?Arbeit schaffen, Wissen vermitteln, Verantwortung stärken?
Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff
12.05.2011, Magdeburg – 260
- Staatskanzlei und Ministerium für Kultur
Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 260/11
Staatskanzlei - Pressemitteilung
Nr.: 260/11
Magdeburg, den 12. Mai 2011
¿Arbeit schaffen, Wissen vermitteln, Verantwortung stärken¿
Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff
Es gilt das gesprochene Wort
Herr Präsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
am 20. März hat die Bürgerschaft
Sachsen-Anhalts einen neuen Landtag gewählt. CDU und SPD haben sich auf die
Fortsetzung ihrer Koalition geeinigt. Vor gut drei Wochen wurde ich in diesem
Hohen Hause zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Regierung steht, ja, sie ist
in vielen Bereichen bereits mitten in der Arbeit. Das war ein Schnellstart ohne
großes Gerangel und Getöse. Nicht unbedingt selbstverständlich, wie ein Blick
in die Vergangenheit und auf andere Bundesländer zeigt.
Fünf Jahre liegen nun vor uns.
Heute will ich Ihnen in meiner ersten
Regierungserklärung erläutern, wie ich die große Linie und wo ich die
Schwerpunkte sehe. Grundlage ist unser Koalitionsvertrag. Er bedeutet
Kontinuität und Verlässlichkeit. Aber wie wird er ausgefüllt? Wie geht es
weiter? Welche Veränderungen schweben uns vor? Welche Fortschritte streben wir
an?
Ich habe diese Regierungserklärung sehr
bewusst mit dem Leitgedanken ¿Arbeit schaffen, Wissen vermitteln, Verantwortung
stärken¿ überschrieben.
Mein Credo dabei lautet: Alle Ziele sind nur
dann ehrlich zu vertreten und erreichbar, wenn wir eine starke Wirtschaft
entwickeln.
Sehr geehrte Damen und Herren! Ich will Ihnen
jetzt nicht groß mit Zahlen kommen. Doch eine Zahl kann man sich nicht oft
genug vor Augen führen, weil sie bestechend klar macht, wie die Wirtschaft in
unserem Land strukturiert ist und wo die Probleme liegen. 99,4 Prozent - 99,4
Prozent der Unternehmen bei uns haben weniger als 250 Mitarbeiter. Von diesen 99,4
Prozent haben wiederum drei Viertel sogar weniger als zehn Beschäftigte.
Zu den guten und schönen Seiten dieser
Kleinteiligkeit gehört, dass wir mit der statistischen Angabe glänzen können,
mehr Betriebe als manch anderes Bundesland zu haben. Oder dass wir dadurch
besser durch die Wirtschaftskrise gekommen sind als andere.
Aber ‑ und darum geht es mir hier ‑
das bedeutet auch, dass wir weitaus weniger große Unternehmen haben, die
eigenständige Forschungsabteilungen unterhalten. Im Vergleich zu den süddeutschen
Bundesländern spielt die Industrieforschung in Sachsen-Anhalt eine nur
untergeordnete Rolle. Die Fehlentwicklungen nach der Einheit - das Stichwort
¿verlängerte Werkbank¿ mag genügen - wirken eben lange nach.
Mag sein, dass auch wir früher über günstige
Löhne und breit angelegte Förderungen konkurrieren mussten, um überhaupt vom
Fleck zu kommen. Diese Zeiten sind jedenfalls vorbei. Heute geht es um die
Erkenntnis, dass wir nur dann weniger abhängig von Transfers werden und eine
selbsttragende Wirtschaft bekommen, wenn wir Wachstum schaffen und mit immer
neuen Innovationen Märkte gewinnen.
Konkreter: Es geht um die Herausbildung einer
innovativen Wirtschaftsstruktur. Dieses Ziel erfordert von uns erstens: Wir
müssen Wirtschaft und Wissenschaft eng miteinander verbinden, und zweitens: wir
müssen das Instrument Förderpolitik weiter schärfen.
Hier, sehr geehrte Damen und Herren, wollen
wir ansetzen.
Deshalb noch konkreter: Im so wichtigen
Bereich der Wirtschaftsförderung, wo schließlich große Summen Steuergelder im
Spiel sind, werden wir die Höhe der Förderung zukünftig weniger an der Frage
ausrichten, ob und wie viele Arbeitsplätze ein Unternehmen überhaupt schafft,
sondern an der Frage, wie hochwertig und dauerhaft diese Arbeitsplätze sind und
wie stark sie zur Entwicklung einer Innovationswirtschaft beitragen.
Es ist auch denkbar, die maximale Förderung
davon abhängig zu machen, wie viele Dauerarbeitsplätze mit einem bestimmten
Jahreseinkommen verbunden sind. Dies wäre zugleich ein Beitrag, der Abwanderung
gut ausgebildeter Hochschulabsolventen vorzubeugen.
Vereinbart ist in der Landesregierung bereits,
die bisherige Förderpraxis genau auf ihre Folgewirkungen hin zu untersuchen.
Das schließt die Analyse der sozialpolitischen Umstände ein. Das heißt: Für
Unternehmen mit einem stark überdurchschnittlichen Leiharbeiteranteil werden
die Hürden zum Erhalt von Fördermitteln höher, gegebenenfalls werden sie von
der Förderung ausgeschlossen. Die neue Landesregierung wird außerdem darauf
achten, dass bei der Vergabe öffentlicher Aufträge auch noch stärker darauf
geschaut wird, ob ein Unternehmen Tariflöhne zahlt oder nicht.
Um Missverständnissen gleich vorzubeugen:
Natürlich wird nichts bei dieser Weiterentwicklung zu Lasten des ländlichen
Raumes oder zu Lasten kleinerer Unternehmen gehen. Und ich füge in diesem
Zusammenhang an, dass auch das Thema ¿Unternehmens-Nachfolge¿ ganz oben auf
unserer Liste steht. Jeder, der mich kennt, weiß, welch große Bedeutung ich
diesen Fragen unter dem Leitbegriff ¿Kultur der Selbständigkeit¿ beimesse. Wenn
es keinen direkten Nachfolger aus der Familie gibt, dann werden wir nach
anderen Wegen suchen, um die Fortführung des Betriebes zu erleichtern.
Zurück zum Stichwort Förderpolitik. Wie
gezielte, richtige Impulse schnell Erfolge in Leit- und Zukunftsbranchen nach
sich ziehen können, zeigen mehrere Beispiele. Ich nenne hier nur das Innovative
Braunkohlen-Integration in Mitteldeutschland (ibi), das
Chemisch-biotechnologische Prozesszentrum (CBP) in Leuna, das Fraunhofer-Center
für Silizium-Photovoltaik (CSP) sowie das
Forschungsinstitut für Kompetenz in Automobilität (IKAM). Zudem soll das
Kompetenznetzwerk für angewandte und transferorientierte Forschung (KAT) die
Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Forschung und Produktion
herstellen.
Alle diese Beispiele ¿ und diesen Hinweis darf
ich durchaus betonen ¿ sind Ergebnisse der Anstrengungen der zurückliegenden
Legislatur. In den nächsten Jahren nun kommt es darauf an, die
Automobil-Zulieferer-Branche auf Elektro-Mobilität und die Solarbranche
erfolgreich auf international wettbewerbsfähige Systemlösungen hin zu
orientieren.
Weil mir am Gedanken der Innovativwirtschaft
so viel liegt, möchte ich neben den klassischen Leitbranchen, wo es um den
Transfer von neuen Erkenntnissen in neue Produkte geht, auch die
Medienwirtschaft als ganz wichtige Zukunftsbranche für Sachsen-Anhalt nennen.
Die Leistungsfähigkeit der in Sachsen-Anhalt ansässigen Medienunternehmen ist
inzwischen bundesweit und international anerkannt. Vor allem in Halle sehen wir
große Chancen der Weiterentwicklung zu einem Mediencluster.
Sie wissen, dass ich das Wort Cluster nicht so
mag, doch am Beispiel Medien lässt sich zeigen, was gemeint ist und wie wichtig
die weitere Förderung ist.
Die Filmförderung durch die Mitteldeutsche
Medienförderung GmbH (MDM) zieht eine Vielzahl großer und kleiner
kulturwirtschaftlich wertvoller Produktionen nach Sachsen-Anhalt. Der durch die
Förderung erzielte wirtschaftliche Regionaleffekt übertrifft die jährlich eingesetzten
Landesmittel um ein Vielfaches.
Die von der Landesregierung begonnene
Unterstützung der Kooperation von Medienunternehmen und Medienstudiengängen
der Universitäten und Fachhochschulen soll deshalb nicht nur fortgesetzt,
sondern intensiviert werden. Die Studiengänge profitieren inhaltlich und durch
Praktika der Studierenden von den Entwicklungen in der Wirtschaft. Umgekehrt
bedarf die Wirtschaft dringend gut ausgebildeter Medien-Fachkräfte, die aus den
Universitäten und Fachhochschulen hervorgehen.
Aus dieser Sicht der Dinge heraus haben wir
beschlossen, das Wissenschafts- und das Wirtschaftsressort zusammenzulegen. Was
in dem einen Bundesland nicht anzuraten wäre, kann in einem anderen
erforderlich sein. Wir gehen unseren Weg.
Als Prüfstein für eine gute Wirtschaftspolitik
wird gern die Arbeitslosenquote herangezogen. An dieser Stelle will ich dazu
nicht viel sagen, weil die Fakten bekannt sind. Die Quote, derzeit bei 11,9
Prozent, ist die niedrigste in Sachsen-Anhalt seit 20 Jahren. Wenn sich Sachsen-Anhalt
so weiterentwickelt wie in den letzten Jahren, drücken wir sie in den nächsten
Jahren deutlich unter zehn Prozent. Schon jetzt erbringt jeder Erwerbstätige
eine Wirtschaftsleistung von 51.470 Euro im Jahr. Damit liegen wir bereits vor
Sachsen und Thüringen. Wir gehen unseren Weg.
Meine Damen und Herren! Gewiss und zu Recht
erwarten Sie von mir ein Wort zur Energiepolitik. Für die Landesregierung steht
fest: Ein schnellstmöglicher Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie als
Risikotechnologie ist nach dem Unglück in Fukushima nur konsequent. Wir sind
daher für die Rücknahme der Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke als
Minimalforderung. Sie muss Voraussetzung für eine neue Gesamtstrategie für den
Atomausstieg sein. Das mag in meiner eigenen Partei nicht überall ungeteilte
Zustimmung finden, entspricht allerdings meiner persönlichen Überzeugung.
Wie dieser Weg aussehen kann, das zeigen wir
seit Jahren beispielhaft in Sachsen-Anhalt. Wir sind deutschlandweit Vorreiter
in der Nutzung regenerativer Energien. Ihr Anteil liegt bei uns in der
Stromerzeugung inzwischen bei 34,7% und bei 15,1% im gesamten Energieverbrauch.
Das ist das Doppelte des Bundesdurchschnitts. Bei uns sind nicht nur
Unternehmen des Windenergieanlagenbaus und der Solarindustrie zu Hause, wir
sind auch führend in der Produktion von Biokraftstoffen.
Gleichwohl sind wir uns bewusst, dass die
energiepolitische Wende durchdacht erfolgen muss. Ein Wort an die
Bundesregierung, aber nicht nur: Wir können über Strom- und Benzinpreis nicht
immer größere Teile von Staatshaushalt und Sozialsystem finanzieren. Das
zerstört irgendwann das ökonomische Fundament. Als Industrieland muss
Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben.
In einem künftigen Energiekonzept sollte die
Braunkohle eine stärkere Rolle spielen. Für uns steht die energetische Nutzung
der Braunkohle als Brückentechnologie außer Frage. Das heißt auch, dass zu
einem sinnvollen Energiemix neue Kohlekraftwerke gehören. Zudem haben wir uns
mit Sachsen der Erforschung der stofflichen Nutzung der Braunkohle
verschrieben.
Wir wissen selbstverständlich, dass eine
deutlich stärkere Nutzung regenerativer Energien wie der Windenergie große
Anstrengungen und Investitionen hinsichtlich des Netzausbaus zur Folge hat. Wir
werden uns daher gegenüber dem Bund dafür einsetzen, dass eine bundesweite
Umlage der bei uns im besonderen Umfang entstehenden Netzausbaukosten erfolgt.
Es kann nicht sein, dass andere Bundesländer vom Netzausbau profitieren, die
Bürgerinnen und Bürger Sachsen-Anhalts sowie die heimischen Unternehmen dafür
aber überproportional zur Kasse gebeten werden. Wenn z. B. in Baden-Württemberg
und Bayern die Nutzung der Windenergie bislang nur eine untergeordnete Rolle
spielte, durch den Atomausstieg nun aber mehr Windenergie aus dem Norden in den
Süden geleitet werden soll, dann sollen auch die Südländer ihren Beitrag zu den
entstehenden Kosten leisten.
Hinsichtlich der Nutzung von Biomasse müssen
wir angesichts der knapper werdenden Flächen zu einem höheren Energieertrag je
verfügbarer Fläche kommen. Auf jeden Fall hat die Lebens- und
Futtermittelproduktion Vorrang vor dem Energiepflanzenanbau. Die Schaffung von
Monokulturen im Bereich des Energiepflanzenanbaus lehnen wir ab. Ein besonderer
Schwerpunkt wird in Zukunft die Kombination von stofflicher und energetischer
Biomassenutzung sein. Das Land unterstützt daher die Forschung in diesem
Bereich am Chemisch-Biologischen Prozess-Zentrum in Leuna, das wir erst im
vergangenen Jahr auf den Weg gebracht haben.
Sie sehen, Frau Professor Birgitta Wolff hat
eine höchst anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe übernommen. Wer nun
immer noch fürchtet, die Wissenschaft könnte in dem neuen Haus an den Rand
gedrückt werden, dem sei nur gesagt, dass die Ministerin erst kürzlich im
bundesweiten Ranking des Deutschen Hochschulverbandes zur besten
Wissenschaftsministerin Deutschlands gewählt wurde. Also: Viel Erfolg, Frau
Ministerin!
Auch wenn wir künftig den Fokus verstärkt auf
die wissenschaftsnahe Wirtschaftsförderung und den Technologietransfer richten,
meine Damen und Herren, so wird es keine Abstriche bei der Grundlagenforschung
an den Hochschulen geben. Tiefgreifende Veränderungen und Umstrukturierungen
der sachsen-anhaltischen Hochschullandschaft sieht die Koalition in den
nächsten Jahren nicht vor.
Gleichwohl muss ich deutlich sagen: Wir werden
eine Evaluierung der Hochschulstrukturreform aus dem Jahr 2004 vornehmen und
wir werden natürlich schauen, wie die Zielvereinbarungen zwischen dem Land und
den Hochschulen für die Jahre 2011 bis 2013 umgesetzt werden oder nicht. Wir
erwarten von den Hochschulen eine leistungsorientierte Anpassung ihrer
Strukturen. Ein Planungsimpuls der Landesregierung steht bevor. Ein ¿Weiter so¿
wird es nicht geben.
Die Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses
ist das eine, wissenschaftlichen Nachwuchs auch in ausreichender Zahl
heranzuziehen das andere. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin: Wir müssen zum
einen ein Auge auf eine vernünftige Studierquote im Lande halten; vor allem
aber: Wir müssen unbedingt die Studienabbrecherquote senken. Studierende können
sich darauf verlassen, dass wir in Sachsen-Anhalt auch künftig keine
Studiengebühren erheben werden.
Erfreulich ist in diesem Zusammenhang zu
vermerken, dass im aktuellen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung
einige Hochschulen in Sachsen-Anhalt gute Noten erhalten, insbesondere im
Bereich Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. Darüber hinaus sind
wir aber auch in Bereichen wie den Bio- und Materialwissenschaften oder der
Neurowissenschaft ausgezeichnet aufgestellt.
Besonders am Herzen liegt mir die Zukunft der
Neurowissenschaften in Magdeburg. Hier ist Sachsen-Anhalt ohne zu übertreiben
herausragend. Die Neurowissenschaften haben der Forschung in Sachsen-Anhalt
nationales und internationales Ansehen gebracht. Es hat sich bewährt, die
Landesmittel zur Förderung der Forschung auf wenige leistungsstarke
Schwerpunkte zu lenken. Es zeigt sich, dass Grundlagenforschung heutzutage
durchaus in der Lage ist, schnell den Brückenschlag zur Anwendung zu schaffen.
So werden auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse medizintechnisch
neuartige Assistenzsysteme für alternde und kranke Menschen entwickelt. Auch
hier haben wir einen weiteren Ansatzpunkt, die Herausforderungen einer
alternden Gesellschaft offensiv anzupacken. Auch wenn es manchmal schwierig
ist, die Erkenntnisse in Produkterfolge im Markt umzumünzen... Wir werden
helfen, wo immer es möglich ist.
In den letzten Jahrzehnten sind die
Anforderungen nicht nur im Bereich der Wissenschaft ständig gestiegen, sondern
auch in der beruflichen Ausbildung von Fachkräften. Aus dem Heizungsklempner
von gestern ist längst ein Spezialist geworden, der sich mit moderner
computergesteuerter Brennwerttechnik, Erdwärmenutzung und Solarthermie
auskennen muss. Wir benötigen daher junge Menschen, die in den Schulen das
Rüstzeug erwerben, mit dem sie später in der Berufsausbildung bestehen können.
2009 haben immer noch 12,3% der Schulabgänger in Sachsen-Anhalt keinen
Hauptschulabschluss erreicht. Diese Quote ist entschieden zu hoch.
Wir wollen daher nicht nur die
Bildungschancen, sondern auch die Bildungsleistungen der Schülerinnen und
Schüler spürbar verbessern. Dies kann nicht von heute auf morgen geschehen,
aber nur wenn wir heute die Grundlagen dafür legen, werden wir mittel- und
langfristig Erfolg haben. Bildungsangebote sollen so früh wie möglich
einsetzen, so dass wir alle Jungen und Mädchen erreichen, auch die aus
benachteiligten Familien. Dass dieser Ansatz richtig ist, bestätigt die ganz
frische OECD-Studie ¿Doing Better for Families¿. Danach erzielt eine frühe
Förderung noch vor dem Eintritt in die Schule die größten Effekte:
Sozialverhalten und kognitive Fähigkeiten der Kinder werden positiv beeinflusst
und soziale Unterschiede gemindert.
Gute Voraussetzungen besitzen wir in
Sachsen-Anhalt, da über 90% der in Kindertageseinrichtungen Tätigen über den
Abschluss einer Fachschule für Sozialpädagogik oder einen vergleichbaren
Abschluss verfügen. Wir wollen darüber hinaus erreichen, dass Leiterinnen und
Leiter dieser Einrichtungen künftig einen Hochschulabschluss vorweisen können.
Wir überprüfen derzeit unser Programm ¿Bildung elementar ¿ Bildung von Anfang
an¿ für Kindertageseinrichtungen, um es weiterzuentwickeln. Zudem soll die
Hochschule Magdeburg-Stendal zum ¿Zentrum Frühkindliche Bildung¿ werden. Die
dort gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen Politikern und den in
der Praxis Tätigen helfen, das Richtige zu tun.
Was die allgemeinbildenden Schulen anbelangt,
so setzen wir auf weitere Qualitätsverbesserungen, z. B. einen stärkeren
Praxisbezug im Bereich der Sekundarschulen durch eine Stärkung des technischen
und wirtschaftlichen Aufgabenprofils. Neben einer Reduzierung der
bürokratischen Verpflichtungen geht es uns vor allem darum, Eigenständigkeit und
Eigenverantwortung an den Schulen zu fördern. So sollen Schulen, zumindest
dort, wo dies gewünscht wird, eine größere Budgetverantwortung erhalten,
stärker bei der Einstellung von Lehrkräften mitbestimmen dürfen sowie mehr
Spielräume bei der Unterrichtsorganisation und der Klassenbildung erhalten.
Die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg
wird weiterhin nach der 4. Klasse getroffen. Allerdings wird an die Stelle der
Eignungsfeststellung die Beratung der Eltern treten, die dann auf dieser Basis
selber entscheiden. Mehr Entscheidungsfreiheit im Schulbereich heißt auch, dass
wir dort, wo dies von Eltern, Lehrern und von Schulträgern gewünscht wird, die
Einrichtung von Gemeinschaftsschulen auf freiwilliger Basis ermöglichen werden.
Dies werden wir im Schulgesetz fest verankern.
Zu den Neuerungen gehört auch, dass wir eine
Kombination aus Berufsausbildung und Abitur ermöglichen wollen, um die viel
kritisierte mangelnde Durchlässigkeit bis hin zum Abitur zu verringern, sowie
Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf stärker als bisher den Zugang zu
allgemein bildenden Schulen erleichtern werden. Anders ausgedrückt:
Berufsausbildung mit Abitur ist eine Form der Stärkung der Sekundarschule.
Es ist doch großartig und macht Mut zu sehen,
wie gestern die Sekundarschule ¿A. Diesterweg¿ von Sandersdorf-Brehna beim
Bundesfinale ¿Starke Schule¿ vom Bundespräsidenten im Schloss Bellevue als eine
der besten in Deutschland geehrt wurde. Vorbildlich vermittelt diese Schule mit
Partnern aus Industrie und Mittelstand den Schülern erste Einblicke ins
Berufsleben und die Zukunftschancen hier im Lande.
Zur Kontinuität im Bereich der Schulen zählt,
dass wir das bestehende Schulnetz sichern. Schulschließungen, die über die
aktuell bestehende mittelfristige Schulentwicklungsplanung bis zum Schuljahr
2013/14 hinausgehen, sollen möglichst vermieden werden.
Bildungspolitik kann und muss auch einen
Beitrag bei der Bekämpfung extremistischer und menschenverachtender
Anschauungen leisten. Das ist nicht allein Sache der Justiz. Wir müssen die
Menschen aufklären und für die Vorzüge unserer Demokratie werben. Auch hier
gilt die Erkenntnis: Je früher wir dies tun, desto größer sind die Chancen,
dass Werte wie Toleranz und Menschlichkeit verinnerlicht werden. Politische
Bildung in den Schulen ist noch besser als bisher in den Schulen zu vermitteln.
Und, sehr verehrte Damen und Herren, es ist meine Überzeugung: Gute Bildung
schützt am besten vor politischer Radikalisierung.
Deshalb erfolgt die Bündelung wesentlicher
Aufgaben im Kultusministerium. Wir wollen vor allem junge Menschen im
schulpflichtigen Alter erreichen. Gerade die Landeszentrale für politische
Bildung verfügt hier über vorzügliche Möglichkeiten, die wir viel besser nutzen
können, wenn wir die einschlägigen Bereiche der Landeszentrale mit dem
Kultusministerium verzahnen.
In Schule und Gesellschaft muss eine
Wertediskussion geführt werden. Die entscheidenden Fragen lauten: Was trägt?
Was wollen wir an die folgende Generation weitergeben? Was sichert auch in
Zukunft ein soziales und solidarisches Gemeinwesen?
Auch in einer Wettbewerbsgesellschaft muss es
uns gelingen, jungen Leuten ein klares Signal für Kinder zu geben, für Kinder,
die in stabilen Familien heranwachsen können. Familien, die gern hier leben,
weil sie sich mit dem Land identifizieren. Das Land kann in meinen Augen dazu
auf vielfache Weise beitragen. Zum Beispiel, indem es Landesidentität durch das
Fach ¿Heimatkunde¿ in den Schulen stärkt. Wie kann man solche Vorstellungen
konkret mit Leben erfüllen? Im nächsten Jahr feiern wir 800 Jahre Anhalt.
Anhalt ist Teil unseres Landesnamens. Es wäre doch unverzeihlich, wenn wir aus
solchen Gelegenheiten nichts zu machen wüssten, was unsere Heimat- und
Landesverbundenheit weiter stärkt.
Sachsen-Anhalt, das ist unsere Botschaft,
steht Menschen aus nah und fern offen. Sie sind hier willkommen, egal ob sie
zum Studium, als Arbeitnehmer oder als Touristen kommen. Gerade die
touristische Vermarktung Sachsen-Anhalts sehen wir als Möglichkeit, auch
international auf Sachsen-Anhalt aufmerksam zu machen und so Investoren zu uns
zu holen. Dazu bieten sich Ereignisse wie das Reformationsjubiläum 2017
geradezu an. Die Vorbereitung des Reformationsjubiläums gemeinsam mit den
Kirchen, dem Bund und weiteren Akteuren wird auf kulturellem Gebiet einer der
Schwerpunkte der Arbeit der Landesregierung in dieser Legislaturperiode sein.
Mit der Einrichtung eines Kulturkonventes im Kultusministerium sollen zudem
Empfehlungen zur künftigen Kulturpolitik im Land erarbeitet werden.
Sie sehen: Unsere Politik setzt auf eine enge
Verzahnung von Bildung, Forschung und Wirtschaft. Minister Stephan Dorgerloh
hat also viel vor - und viel vor sich. Auch ihm wünschen wir viel Erfolg!
Frühkindliche Bildung, meine Damen und Herren,
steht in einem engen Zusammenhang mit dem Bekenntnis der Koalition zu einem
Rechtsanspruch aller Kinder auf ganztägige Betreuung, zur Förderung in einer
Kindertageseinrichtung und zu einer Entlastung bei den Elternbeiträgen für
Mehrkindfamilien. Wir wollen jungen Paaren Mut machen, Kinder zu bekommen. Nur
so können wir einen Wandel in der demografischen Entwicklung erreichen, nicht
aber durch den Trend zur Einkindfamilie oder gar der gewollten Kinderlosigkeit.
Eine besondere Herausforderung - das wissen
wir alle -, bedeutet der demografische Wandel. Neben dem allgemeinen
Bevölkerungsrückgang ‑ Sachsen-Anhalt hat seit dem Jahr 1990 mehr als
eine halbe Million Einwohner verloren ‑ sinkt der Anteil junger Menschen
an der Gesamtbevölkerung, während der Anteil alter Menschen steigt.
Deshalb sage ich hier deutlich: Ich wünsche
mir und ich will darauf hinarbeiten, dass Sachsen-Anhalt das
familienfreundlichste Bundesland in Deutschland wird.
An meiner Seite weiß ich Minister Norbert
Bischoff, mit dem wir uns diesem Ziel Stück für Stück nähern werden. Auch Ihnen
allen Erfolg!
Zu einer guten Zukunft des Landes gehört
natürlich auch die Gewährleistung eines Lebens unserer Bürgerinnen und Bürger
in Sicherheit. Wir wollen die Zusammenarbeit von Kommunen und Polizei stärken.
Um eine ausreichende Polizeistärke auch in der Fläche zu sichern, sehen wir
vor, bis zum Jahresende 2016 eine Personalstärke von 6.300 Beamten im
Polizeivollzug vorzuhalten. Jährlich sehen wir 180 Neueinstellungen vor, um die
Altersstruktur der Polizei zu verbessern. Wir sehen vor, alle Beamten der
Laufbahngruppe 1 im zweiten Einstiegsamt nach einer dreijährigen Dienstzeit zu
befördern.
Die Arbeit unserer Polizei ist nicht leicht
und gefahrbeladen, ob nun im Einsatz gegen Gewalt am Rande von Sport- und
sonstigen Veranstaltungen oder gegen extremistische Gruppen von links oder
rechts. Um eine moderne und wirksame Gefahrenabwehr zu garantieren,
beabsichtigen wir eine Novellierung des Gesetzes über die öffentliche
Sicherheit und Ordnung. Im neuen Gesetz sollen sowohl die Bedrohung durch
international agierende Terrornetzwerke berücksichtigt werden als auch neue
Kriminalitätsphänomene wie die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte. Ziel ist
es außerdem, die Befugnisse der Polizei zur Verhütung von Straftaten zu
erweitern.
In den Bereich des Innenressorts fällt auch
die Zusammenarbeit mit den Kommunen. Nach der Neuordnung durch die
Gemeindegebietsreform müssen sich nun die Kommunen in ihren neuen Strukturen
konsolidieren. Als Landesregierung fühlen wir uns insofern direkt angesprochen,
als wir verhindern wollen, dass Investitionen scheitern, weil die Kommunen
ihren Eigenanteil nicht aufbringen können. Außerdem beabsichtigt die
Landesregierung, die Kommunen als wirtschaftliche Akteure zu stärken, und zwar
durch eine einfache Subsidiaritätsklausel wie auch eine Lockerung des
Örtlichkeitsprinzips.
Aber auch das will ich sagen: Ich gebe offen
zu, dass ich mit dem bisherigen Ergebnissen nicht zufrieden bin, was die
Ausschöpfung der Chancen der Kommunalreform anbelangt.
Konsolidierungspartnerschaft heißt für mich, deutlicher und konsequenter als
bisher Effizienzgewinne, und damit meine ich eben auch finanzielle
Effizienzgewinne, der vergangenen Verwaltungsreformen zu erschließen, auch,
wenn der eine oder andere das nicht gern hört.
Eine wichtige Aufgabe sieht die
Landesregierung zudem im Erhalt und in der Verbesserung der Leistungsfähigkeit
der Freiwilligen Feuerwehren. Sie sind nicht nur ein Mittelpunkt des
gemeindlichen Lebens, so wie auch der Sport und das andere Vereinsleben, sie
sind vor allem ein Garant der Sicherheit in den Städten und Gemeinden
Sachsen-Anhalts und in dieser Funktion unverzichtbar.
Auch Innenminister Holger Stahlknecht wird
also viel zu tun haben. Wir werden ihn unterstützen, damit auch er Erfolg hat!
Eng verbunden mit der öffentlichen Sicherheit
ist der Bereich Justiz. Wie in den anderen Bereichen der Landesverwaltung
setzen wir auch hier auf Modernisierung und mehr Effektivität. Dazu gehören
nicht nur die Weiterentwicklung von Qualitätsstandards in der Justiz, sondern
ebenso eine kluge Personalpolitik. Hier müssen wir das große Potential der
exzellenten Juristenausbildung an der Juristischen Fakultät der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für uns nutzen.
Ganz wichtig ist der Schutz der Bevölkerung
vor überführten Straftätern. Hier gilt es, die gute Zusammenarbeit zwischen
Innen- und Justizressort fortzusetzen. Ein Beitrag dazu kann ohne Zweifel die
weitere Strukturanpassung im Justizvollzug sein. Hierzu werden wir bis Ende des
Jahres ein in sich schlüssiges Konzept erarbeiten. Ziel soll es sein, unter
Aufgabe derzeit bestehender Anstalten, einen der vorhandenen zu einem weiteren
zentralen Standort auszubauen.
Ob es nun darüber hinaus um die Bekämpfung der
Jugendkriminalität, den Opferschutz oder weitere Bereiche der Arbeit der
Justizbehörden geht, ich bin überzeugt davon, dass dieses Ressort bei Frau
Ministerin Professor Angela Kolb in guten Händen ist und wünsche ihr auch in
der kommenden Legislatur viel Erfolg.
Sehr geehrte Damen und Herren! Angela Kolb und
Birgitta Wolff sind die beiden Frauen im Kabinett. Erlauben Sie mir an dieser
Stelle einen besonderen Einschub. Ich habe die Äußerungen der letzten Tage um
den geringen Anteil der Frauen in Regierungsämtern, auch auf
Staatsekretärsebene, sehr wohl zur Kenntnis genommen. Ich gehe jetzt nicht auf
die Genese von Personalentscheidungen und die Frage, wie Besetzungen zustande
kommen, ein. Doch weil ich diese Debatte sehr ernst nehme, ziehe ich heute eine
Ankündigung vor, auch wenn noch nicht alle Vorbereitungen abgeschlossen sind:
Bereits unmittelbar nach meiner Amtsübernahme
als Ministerpräsident hatte ich veranlasst, die Gründung eines Beirates zur
Förderung von Frauen in Führungspositionen in die Wege zu leiten. Dieser Beirat
wird an mein Büro, also direkt an die Staatskanzlei, angebunden sein!
Ziel ist es, Wege zu finden, wie wir dahin
kommen, 40 Prozent der Führungspositionen in der Landesverwaltung mit Frauen zu
besetzen! Damit wollen wir den Koalitionsvertrag mit Leben erfüllen und diesem
Ziel gilt auch mein persönlicher Einsatz.
Mehr noch: Um den Anteil weiblicher
Nachwuchswissenschaftler und Professoren zu erhöhen, streben wir mit den
nächsten Zielvereinbarungen in diesem Bereich ebenfalls eine
Gleichstellungsquote von mindestens 40 Prozent an!
Sehr geehrte Damen und Herren! In den letzten
Jahren sind wir nicht müde geworden, unseren Stolz, nämlich Sachsen-Anhalts
Geschichts- und Kulturlandschaft, zu preisen. Wenn wir mit unseren Pfunden
wuchern wollen, dann muss allerdings auch die Infrastruktur stimmen. Die Verkehrsinfrastruktur
ist nicht allein mit wirtschaftspolitischen Argumenten begründet. Hier gilt es
Lücken zu schließen. Die zügige Realisierung der Nordverlängerung der A 14
liegt uns dabei ebenso sehr am Herzen wie die ¿ und das bitte ich sehr ernst
zu nehmen: von den dort lebenden Menschen schon lange ersehnte - Westumfahrung
Halles, die Vollendung der A 143.
Will Sachsen-Anhalt den Vorteil seiner
geografischen Lage in der Mitte Europas nutzen und sich als wichtiges
Logistikdrehkreuz weiterentwickeln, dann geht das nur mit leistungsfähigen und
sicheren Verkehrswegen nicht nur im Bereich der Straßen. So unterstützen wir
einen zügigen Ausbau der Bahnknoten Magdeburg und Halle sowie die Ausrüstung
aller wichtigen Eisenbahnstrecken mit modernen Zugsicherungsanlagen.
Vom nächsten Jahr an wird in Halle, einst
bedeutendster Rangierbahnhof Europas, wieder groß gebaut. Es entsteht ein
moderner Rangierbahnhof mit 150 neuen Dauerarbeitsplätzen. Ja, 120 Millionen
Euro dafür kommen vom Bund. Aber die werden nicht einfach so rübergereicht,
sondern sind zu einem guten Teil das Ergebnis unserer Verhandlungen in Berlin.
Im Bereich der Wasserstraßen setzen wir uns
gegenüber dem Bund für den Erhalt der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung am
Standort Magdeburg ein. Zugleich erwarten wir vom Bund eine alsbaldige
Entscheidung zum Saale-Seiten-Kanal. Für viele Unternehmen in Mitteldeutschland
sind leistungsfähige Wasserwege unverzichtbar. Sie sind zudem eine Alternative
zum Transport auf der Straße. Ich stehe mit Bundesverkehrsminister Ramsauer
deshalb in direktem Kontakt. Wir müssen wissen, woran wir sind.
Herr Minister Thomas Webel wird die Anliegen
Sachsen-Anhalts auch gegen Widerstände energisch vorantreiben und ich wünsche
ihm dabei viel Erfolg!
Ich komme jetzt zum Thema Geld. Wenn wir
darüber reden, was wir anders und besser machen wollen, dann müssen wir auch
über unsere finanzpolitische Verantwortung reden. Die letzte Legislaturperiode
stand unter der Last einer Verschuldung von rund 20 Mrd. ¿. Immerhin konnten
wir in den Jahren 2007 bis 2009 unseren Landeshaushalt ohne neue Schulden
verabschieden. Das war eine beachtliche Leistung. Dann aber kam die weltweite
Wirtschaftskrise und hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Wir haben uns von der Krise schneller erholt
als gedacht. Die neue Steuerschätzung kündigt mehr Einnahmen an als angenommen.
Schön. Das aber löst unsere Probleme nicht. Deshalb sage ich
unmissverständlich: Ein ¿Weiter-wie-bisher¿ gibt es auch in finanzpolitischen
Angelegenheiten nicht mehr. Die Einnahmen aus dem Solidarpakt II gehen bis 2019
schrittweise zurück und laufen schließlich aus. Nach wie vor ist also ein nicht
unwesentlicher Teil unseres Wohlstandes nur durch Finanztransfers sicherbar.
Ziel ¿ nicht soll, sollte oder so - sondern muss es sein, bis 2019 eine
selbsttragende Volkswirtschaft zu schaffen. Dann müssen wir auf eigenen Beinen
stehen. Erhalten wir aus dem Solidarpakt II in diesem Jahr noch 1,26 Mrd. ¿,
werden es 2015 schon weniger als 800 Mio. ¿ sein.
Die Verlockung in der Politik, dies durch neue
und noch höhere Schulden auszugleichen, ist groß. Wir sind uns jedoch einig,
dass ein solcher Weg unverantwortlich wäre. Außerdem haben wir die vom Bund
vorgeschriebene Schuldenbremse vorgezogen und dürfen - eine normale
konjunkturelle Lage vorausgesetzt - bereits vom kommenden Jahr an keine neuen
Schulden mehr machen. So, wie es aussieht, werden wir das sogar schaffen.
Spätestens ab 2014 müssen wir mit der Tilgung unserer Schulden beginnen. Ein
deutliches Wirtschaftswachstum ist also unabdingbar.
Deshalb nochmals: Wir müssen alles tun, um
unsere Wirtschaft zu stärken, um mehr Einnahmen aus Steuern zu erzielen.
Gleichzeitig müssen wir strenge Haushaltsdisziplin üben. Im öffentlichen Dienst
liegen wir immer noch über dem Durchschnitt der deutschen Bundesländer. Wir
haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2020 die Zahl der Landesbediensteten auf 19
Vollzeitstellen je 1.000 Einwohner zurückzufahren. Angesichts der Tatsache,
dass der Bevölkerungsrückgang im Land weitere Anpassungsschritte notwendig
macht, ist das ein ehrgeiziges Ziel. Auch deshalb, weil der Abbau
sozialverträglich erfolgen soll.
Gleichzeitig gilt es zu bedenken, dass
angesichts knapper werdender Personalressourcen das qualitative
Personalmanagement in der öffentlichen Verwaltung immer wichtiger wird. Nur
bestens motivierte, leistungsfähige und kompetente Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter werden die Aufgabe bewältigen. Wir haben deshalb das qualitative
Personalmanagement in der Staatskanzlei gebündelt. Als Stichworte müssen hier
¿Wissenstransfer der Generation 50 plus¿ oder ¿ressortübergreifende
Einsatzfähigkeit¿ genügen.
Dass wir finanzpolitisch sozialverträglich und
verantwortungsbewusst arbeiten, dafür steht mein Stellvertreter als
Ministerpräsident, Finanzminister Jens Bullerjahn. Als Koalitionspartner werden
wir fair und partnerschaftlich alles tun, um gemeinsam das Beste für das Land
zu bewirken. Auch Ihnen, lieber Kollege Bullerjahn, in Ihrem schwierigen und
oft undankbaren Amt weiterhin viel Erfolg!
Was die Finanzen anbelangt: 2014 fallen wir
aus der höchsten Förderkategorie der EU heraus. Die Landesregierung wird für
gerechte Übergangslösungen kämpfen. Der Entwicklungsprozess in besonders
strukturschwachen Regionen, meist im ländlichen Raum, darf deshalb nicht ins
Stocken geraten. Ich werde mich persönlich in Brüssel und Berlin dafür
einsetzen, dass die Förderintensität nicht mehr als um ein Drittel reduziert
wird und die Kofinanzierungssätze der EU in Höhe von 75 Prozent beibehalten
werden. Zugleich muss es gelingen, die Beteiligung an EU-Programmen außerhalb
der EU-Strukturfonds zu erhöhen.
Gerade der ländliche Raum hat in der
Vergangenheit sehr von der EU-Förderung profitiert. Ich denke hier z. B. an die
EU-Mittel, die in die Förderung des Breitbandausbaus im ländlichen Raum geflossen
sind und weiter fließen. Hier ist ein zentrales Anliegen unserer Politik auch
für die kommende Legislaturperiode berührt: Sachsen-Anhalt ist überwiegend
ländlich geprägt, wir dürfen es nicht zulassen, dass der ländliche Raum von der
Entwicklung der Ballungsräume abgekoppelt wird.
Ein wichtiges Anliegen ist deshalb der Ausbau
schneller Internetverbindungen auch auf dem Land. Dies nützt nicht nur den
Bürgerinnen und Bürgern, sondern vor allem auch den Unternehmen vor Ort.
Langfristig ¿ das muss man sehen ¿ wird selbst die Grundversorgung der älter
werdenden Bevölkerung ohne breitbandigen Internetzugang nicht zu gewährleisten
sein. Ein anschauliches Beispiel: Ein Patient ist Online per Internet mit
seinem Arzt verbunden, der so gegebenenfalls schon erste Maßnahmen für die
medizinische Behandlung ergreifen kann.
Unser Land verfügt ohne Zweifel über eine
leistungsfähige Land- und Ernährungswirtschaft. Davon kann man sich nicht nur
auf der ¿Grünen Woche¿ in Berlin jedes Jahr wieder aufs Neue überzeugen. Zudem
besitzen wir leistungsfähige agrarwissenschaftliche Institutionen. Dieses
Potential wollen wir zur Entwicklung eines Kompetenznetzwerkes
¿Agrarwissenschaften¿ nutzen.
Wichtig ist es darüber hinaus, den Trend zur
Abwanderung aus den Dörfern zu stoppen. Hierfür müssen wir nicht nur die
gesundheitliche Versorgung auf dem Land dauerhaft sicherstellen, sondern auch
einen bedarfsgerechten öffentlichen Personennahverkehr. Ergänzend erhöht der
Ausbau eines attraktiven Radwegenetzes die Attraktivität des ländlichen Raumes
und schafft weitere Perspektiven für den Tourismus.
Eine besondere, vor wenigen Jahren noch gar
nicht vorausgesehene Herausforderung hat der großflächige Anstieg des
Grundwassers mit sich gebracht. Wer Wasser im Keller zu stehen hat, weiß ebenso
ein Lied davon zu singen wie die Landwirte, die ihre Felder von ¿Vernässung¿
heimgesucht sehen, wie es in schönstem Bürokratendeutsch heißt. Wir werden
nicht nur über Schutzmaßnahmen nachdenken müssen. Auch dieser Gesichtspunkt ist
wichtig: Derzeit gibt es 28 Unterhaltungsverbände im Land von sehr
unterschiedlichen Größen. Vielleicht wäre der Zusammenschluss kleinerer
Verbände zu schlagkräftigen Körperschaften besser. Auch hier könnten vor dem
Hintergrund der Gebietsreform Synergie-Effekte erzielt werden.
Ich wünsche unserem Minister für
Landwirtschaft und Umwelt, Herrn Dr. Aeikens, nicht nur bei der Lösung dieser
Aufgaben viel Erfolg.
Wir berühren hier, meine Damen und Herrn,
einen ganz entscheidenden Punkt, nämlich den, dass immer mehr Entscheidungen in
Brüssel getroffen werden, die uns direkt berühren. Das gilt längst nicht mehr
hauptsächlich für die Landwirtschaft. Es gibt kaum noch einen Bereich in der
Landespolitik ohne europäische Bezüge.
Wenn wir Einfluss nehmen wollen, um Erfolg zu
haben, müssen wir also in den europäischen Gremien und Institutionen direkt
unsere Interessen deutlich machen und vortragen. Ich habe bereits angekündigt,
eine Kabinettssitzung in Brüssel durchzuführen. Ich selbst werde zusammen mit
der Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin am 19. Mai, also in genau einer
Woche, nach Brüssel reisen, um die Kollegin dort einzuführen und Gespräche mit
EU-Kommissaren zu führen. Die Brüsseler Vertretung Sachsen-Anhalts jedenfalls
muss ein fester Bestandteil unserer politischen Arbeit sein.
Eine gute Vernetzung auch auf internationaler
Ebene wird eben immer wichtiger. Noch hinken wir hinterher. Die Exportquote der
Industrie liegt im Bundesdurchschnitt bei 47 Prozent, bei uns bei rund 26
Prozent. Doch denken Sie auch an unsere schon gefestigten Kontakte zu den
Partnerregionen Masowien in Polen, Centre in Frankreich, Valencia in Spanien
und andere. Oder denken Sie an das Netzwerk der europäischen Chemieregionen.
Das müssen wir ausbauen. Erste Erfolge stellen sich ein: Im Januar und Februar
2010 hatte Sachsen-Anhalts Wirtschaft Güter im Wert von 1,6 Milliarden Euro
exportiert, im Januar und Februar dieses Jahres waren es Waren für 2,2
Milliarden Euro. Wir gehen unseren Weg.
Die neue Landesregierung beabsichtigt deshalb,
eine umfassende Europa- und Internationalisierungs-Strategie zu erarbeiten.
Sobald diese Ausarbeitung vorliegt, werde ich sie dem Landtag zur Beratung
vorlegen. Die Landesregierung hat zudem vor, die Europa-Kompetenz in der
Landesverwaltung stärken.
Dass Sachsen-Anhalt in Brüssel gehört und
verstanden wird, dafür steht der Chef der Staatskanzlei und Europaminister
Rainer Robra. Ich bin sicher, dass wir auch auf europäischer Ebene erfolgreich
sein werden. Auch Ihnen die besten Wünsche, Herr Staatsminister Robra.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich
habe in kurzen Strichen skizziert, wie ich die große Linie und die Schwerpunkte
unserer Arbeit für die nächsten Jahre sehe und was ich als Regierungschef unter
dem Leitgedanken ¿Arbeit schaffen, Wissen vermitteln, Verantwortung stärken¿
verstehe. Sie sehen, dass alles ineinandergreift. Viel Detailarbeit ist noch in
den nächsten Wochen zu leisten.
Nur gemeinsam werden wir unsere Ziele
erreichen. ¿Gemeinsam¿ - Sie kennen mich und wissen, dass ich das auch so meine
- beschränkt sich nicht auf die Regierungsmannschaft, die Exekutive.
¿Gemeinsam¿ schließt für mich die Fraktionen unserer Koalition in diesem Hohen
Hause, der Legislative, ein. Deshalb bedanke ich mich für die bisherige gute
Zusammenarbeit bei Ihnen, liebe Frau Kollegin Budde und lieber Herr Kollege
Schröder, als Vorsitzende Ihrer Fraktionen. Damit verbinde ich den Wunsch,
dass unsere gemeinsamen Anstrengungen der nächsten fünf Jahre Früchte tragen
werden.
Mein Kabinett setzt die solide Arbeit der
bisherigen Regierung fort. Wir verbinden Kontinuität mit Weiterentwicklung. Das
Bewährte bewahren, aber auch Neues wagen. Das gilt sowohl für das Land als auch
für jede einzelne Bürgerin und jeden einzelnen Bürger. Realistisch und visionär
zugleich, das ist Leitstern unserer Politikauffassung, die sich an den
Erfordernissen unserer Zeit und den nächsten fünf Jahren der Legislaturperiode
orientiert.
Auf kurze, überwölbende Thesen gebracht: Die
Regierungsarbeit und unsere Anstrengungen richten sich an folgenden Zielen aus:
Nur eine starke Wirtschaft schafft
Arbeitsplätze, Wohlstand und soziale Sicherheit. Wir wollen, dass
Sachsen-Anhalt ein modernes, von innovativer Wirtschaft geprägtes Land wird.
Daran wird sich auch die künftige Förderpolitik ausrichten.
Nur gute Bildung und Ausbildung versetzt uns
in die Lage, uns in der Zukunft zu behaupten. Wir wollen fachliche
Qualifikation ebenso wie Werteorientierung vermitteln. Wir wollen die
entsprechenden Angebote für jedes Alter und jede Herkunft, damit wir tüchtige
Menschen haben, die sich mit ihrem Land identifizieren und mit ihren Familien
gern hier leben.
Nur mit Verantwortung und Vernunft lassen sich
die finanzpolitischen Herausforderungen meistern. Ein ¿wie bisher¿ wird es
nicht geben. Von der Kommunal- bis zur Europapolitik werden wir uns um eine
solide Ausgabenpolitik bemühen, die den nachfolgenden Generationen ihre
Gestaltungsmöglichkeiten bewahrt.
Ein ganz persönliches Wort zum Schluss: Der
zurückliegende Wahlkampf war fair. Ich wünsche mir, dass der weitere Umgang so
bleibt. Vieles, auch die Außenwirkung von Politik, ist eine Frage des Stils.
Unterschiede in der Sache werden in verschiedenen Punkten bleiben, sei es beim
Thema A 14 oder beim Thema Saale-Kanal. Der Wettstreit der Parteien gehört zur
Demokratie. Lassen Sie uns klar in der Sache und klar in der Sprache sein.
Lassen Sie uns nie vergessen, dass es bei aller Härte im politischen Tageskampf
immer um die Frage gehen muss, was das Beste für Sachsen-Anhalt ist, damit
unser Land stärker, noch lebens- und liebenswürdiger wird. Das sollte uns jede
Anstrengung wert sein.
Gehen wir also gemeinsam an die Arbeit! Um es
als Wittenberger mit einem Schuss Humor und einem abgewandelten Wort Luthers
abzuschließen: ¿Hier stehe ich. - Und ich will auch gar nicht anders.¿
Vielen Dank!
Impressum:
Staatskanzlei des Landes
Sachsen-Anhalt
Pressestelle
Hegelstraße 42
39104 Magdeburg
Tel: (0391) 567-6666
Fax: (0391) 567-6667
Mail:
staatskanzlei@stk.sachsen-anhalt.de
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