Stand der Ursachenermittlung der
Böschungsbewegung Nachterstedt:
Potenzielle Schadensursachen können deutlich eingegrenzt werden
07.12.2010, Magdeburg – 229
- Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung
Ministerium für Wirtschaft und Arbeit - Pressemitteilung Nr.: 229/10
Ministerium für Wirtschaft und
Arbeit - Pressemitteilung Nr.: 229/10
Magdeburg, den 6. Dezember 2010
Stand der Ursachenermittlung der
Böschungsbewegung Nachterstedt:
Potenzielle Schadensursachen können deutlich eingegrenzt werden
Böschungsabriss von erheblichem
Ausmaß. Der Concordiasee ist das teilgeflutete Tagebaurestloch des ehemaligen
Braunkohlentagebaus Nachterstedt. Die bergrechtliche Verantwortung liegt bei
der Lausit- zer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV)
als Bergbausanierungsunter-nehmen. Der Abriss erfasste einen Böschungsbereich
von etwa 1,1 km Länge. Die Abbruchkanten weisen Rückgriffweiten bis zu 85 m in
das Hinterland auf und besitzen Höhen von bis zu 40 m. Das Volumen der Massenbewegung
liegt geschätzt bei circa 2,2 Mio. m³.
Zur Ermittlung der Schadensursache
wurde am 21. Juli 2009 das Ingenieurbüro Dr.-Ing. Michael Clostermann,
Dortmund, durch das Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) Sachsen-Anhalt
eingeschaltet.
Die im Jahr 2009 gewonnenen
Erkenntnisse wurden im Februar 2010 im Rahmen einer Pressekonfe-renz
dargestellt. Als damaliger Arbeitsstand wurden insgesamt 14 potenzielle
Schadensursachen ermittelt. Es wurde als wahrscheinlich angesehen, dass der
großräumige Böschungsabriss vom
18. Juli 2009 durch das gleichzeitige Zusammenwirken verschiedener Faktoren
verursacht wurde.
Zwischenzeitlich wurden die
Aktenrecherchen fortgesetzt, die bergmännischen Grubenbilder in ein digitales
Modell überführt sowie eine Vermessung des Seebodens durchgeführt.
Die intensive Aktenrecherche
umfasste hierbei nicht nur die internen Aktenbestände des LAGB und der
öffentlichen Archive, sondern auch durch die Staatsanwaltschaft beschlagnahmtes
Archivmaterial der von der LMBV beauftragten Ingenieurbüros sowie das im
Frühsommer 2010 aufgefundene ¿Werksarchiv Nachterstedt`. Ausgewertet wurden
bisher insgesamt 9.632 Dokumente, von denen 2.174 aus Bestän-den des LAGB,
öffentlichen Archiven und laufender Berichterstattung stammen. 5.427 Dokumente
wur-den aus dem ¿Werksarchiv Nachterstedt` verwertet, und 2.031 Dokumente
stammten aus polizeilicher Ermittlungstätigkeit.
Das ¿Werksarchiv Nachterstedt`
wurde durch die LMBV bei einer den Altaktenbestand verwaltenden Firma
aufgefunden, wird seit August 2010 ausgewertet, und die relevanten Unterlagen
werden dem LAGB übergeben. Insgesamt wurden laut LMBV circa 30 laufende
Kilometer ermittelt, von denen 15 laufende Kilometer erfasst waren
(Bestandserfassung und Verschlagwortung). Für die restlichen 15 Kilometer wurde
die Erfassung unverzüglich eingeleitet. Von den bereits erfassten 15 laufenden
Kilometern stehen 5,4 laufende Kilometer in einem Zusammenhang mit
Nachterstedt. Die Erstsichtung der Archiv-Unterlagen wird bis Ende des Jahres
abgeschlossen sein. Bisher haben diese Unterlagen einen Umfang von über 100
Umzugskartons bzw. rund 40 laufenden Metern Akten.
In öffentlichen Archiven sowie
Antiquariaten wurde aufschlussreiches Bildmaterial über den Tagebau
Nachterstedt zum Zeitpunkt des Tagebaustands im Bereich der Böschungsbewegung
ausfindig gemacht. Hierin lässt sich die eingesetzte Technologie ¿ sowohl der
Gewinnung als auch der Verkippung mit den sich daraus ergebenden geometrischen
Böschungsverhältnisse ¿ auf der Kohlenstoßseite ebenso wie auf der Kippenseite
eindeutig ableiten. Weiterhin sind hierdurch die Elemente der
Tagebauentwässerung zweifelsfrei dokumentiert.
Die vorhandenen Grubenbilder in
Kartenform wurden in digitale Form überführt und georeferenziert. Aus diesem
Datenmaterial wurde ein digitales 3D-Modell des Altbergbaus erstellt. Durch Verschneidung
der untertägigen Streckensysteme mit der Tagebaugeometrie ist die Ermittlung
der noch vorhandenen untertägigen Grubenbaue im Bereich des Tagebaurestlochs
Nachterstedt möglich geworden. Zur Verifizierung dieser Grubenbaue hinsichtlich
Lage und Teufe wurden die durchgeführten Bohrungen ¿ sowohl Pegelbohrungen als
auch Versatzbohrungen von Verwahrungsmaßnahmen ¿ in das Modell mit eingebunden.
Somit wurde ein, unter Berücksichtigung sämtlicher vorliegender Informationen,
möglichst umfassender Überblick über potenziell hydraulisch wirksame
Verbindungen innerhalb der Braunkohlenlagerstätte geschaffen.
Veröffentlichte und in den
Archivunterlagen vorhandene Luftbildaufnahmen des Concordiasees zeigen zu
verschiedenen Zeitpunkten Eintrübungsfahnen im östlichen und südöstlichen
Böschungsbereich. Diese Eintrübungen unterhalb des Seewasserspiegels konnten
bis 2004 zurückverfolgt werden und halten auch bis heute an. Durch einen
digitalen Abgleich mit dem 3D-Modell des Altbergbaus lässt sich hier ein
möglicher Zusammenhang und somit ein weiterer Hinweis auf potenziell
hydraulisch wirkende Verbindungen konstruieren.
Im Sommer 2010 wurde seitens der
LMBV der Seeboden mittels Multi-Beam-Verfahren vermessen. Dieses Verfahren
erlaubt eine dreidimensionale Auswertung mit hoher Genauigkeit. Auf Basis der
zur Verfügung gestellten Messdaten wurden verschiedene Berechnungen
durchgeführt, in die auch die Ergebnisse der Seevermessung aus den Jahren 2003
und 2009 mit einbezogen wurden. Durch eine Verschneidung der Höhenliniendarstellungen
mit den Original-Messdaten konnten verschiedene Zustände des Seebodens sowie
Differenzenmodelle berechnet werden. Insbesondere die Höhenlage des Seebodens
in mNHN konnte für alle Jahre konstruiert werden. Aufgrund der hohen
Genauigkeit der Messungen aus dem Jahr 2010 konnten die zu betrachtenden
Höhenintervalle genauer, bis in den Meterbereich hinein, untersucht werden.
Hieraus ergab sich, dass die Reichweite der in Bewegung geratenen Bodenmassen
deutlich größer anzusetzen ist als bisher angenommen. Weiterhin lassen sich aus
den Messungen drei Hauptbewegungsrichtungen erkennen, sodass sich der
mögliche Ablauf der Böschungsbewegung Nachterstedt vom 18. Juli 2009
modelltechnisch nachvollziehen lässt .
Diese Hauptbewegungsrichtungen
deuten auf drei Phasen der Böschungsbewegung hin. In der ersten Phase
hat eine Materialumlagerung unterhalb des Wasserspiegels stattgefunden, die
derzeit als Abtrag der Stützkippe vor dem Rutschungsbereich mit erneuter
Ablagerung des Materials vor der Südwestböschung gedeutet wird. Dieser Prozess
kann bereits lange Zeit vor dem Ereignis eingesetzt haben und die
Funktionstüchtigkeit der Stützkippe kontinuierlich reduziert haben. In der zweiten
Phase könnte ein lokaler Böschungsbruch im westlichen Teil des
Rutschungsbereichs aufgrund des Versagens der Funktionstüchtigkeit der
Stützkippe eingetreten sein. Die dritte Phase wäre dann durch dieses
Ereignis indiziert und hätte damit den östlichen Rutschungskessel verursacht.
In Verbindung mit den
ausgewerteten Archivunterlagen und dem bisher erarbeiteten 3D-Modell des
Altbergbaus ergibt sich somit eine theoretische Hypothese der wahrscheinlichen
Versagenszusammenhänge. Zur Verifizierung dieser These ist es zwingend
erforderlich, die durch die LMBV geplanten Untersuchungsarbeiten ¿ sowohl auf
dem Concordiasee als auch an Land ¿ durchzuführen. Die hierbei gewonnenen
Erkenntnisse bilden die Grundlage für den Aufbau eines geotechnischen Modells,
das als Abbild der tatsächlichen Gegebenheiten die einzige zuverlässige Basis
für Standsicherheitsberechnungen darstellt und damit für die zukünftigen
Sanierungsarbeiten unabdingbar ist. Weiterhin sind die zu gewinnenden Proben
labortechnisch zu untersuchen, um gesicherte Eingangsparameter für die
Standsicherheitsberechnung zu erhalten.
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand
müssen alle Kippenböschungen im Tagebaurestloch Nachterstedt als in ihrer
Standsicherheit gefährdet angesehen werden. Deshalb sind alle Untersuchungen
zur Ursachenfindung unter größter Vorsicht und mit allen erdenklichen möglichen
Sicherungsmaßnahmen für Mensch und Gerätschaft durchzuführen.
Bereits vorliegende Teilergebnisse
des Untersuchungsprogramms werden unverzüglich in unsere Modelle eingebaut, um
somit schnellstmögliche Sicherheit für das Tagebaurestloch Nachterstedt zu
schaffen. Realistisches Ziel ist es , die Planungen der LMBV zur
Erkundung der Ursache sowie der daran anschließenden Sicherungs- und
Sanierungsmaßnahmen so beschleunigend zu begleiten, dass eine Teilnutzung
des Concordiasees im Jahr 2012 wieder möglich wird .
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