Regierungserklärung von
Ministerpräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer zum Thema ?20 Jahre Deutsche
Einheit?
07.10.2010, Magdeburg – 558
- Staatskanzlei und Ministerium für Kultur
Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 558/10
Staatskanzlei - Pressemitteilung
Nr.: 558/10
Magdeburg, den 7. Oktober 2010
Regierungserklärung von
Ministerpräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer zum Thema ¿20 Jahre Deutsche
Einheit¿
Es
gilt das gesprochene Wort!
20 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschland lebt
bereits eine junge Generation, die die Teilung unseres Landes nicht erlebt hat.
Und für die der 3. Oktober 1990 bereits ein Tag aus dem Geschichtsbuch ist.
Uns, die wir Teilung und Mauerbau, Maueröffnung und Wiedervereinigung erlebt
haben, uns müssen wir nicht daran erinnern. Die Freude, das Ende der Teilung
noch miterlebt zu haben wird bleiben. Aber einerseits sind noch lange nicht
alle Langzeitfolgen der Teilung und noch nicht alle Komplikationen der
Wiedervereinigungsprozesse überwunden und andererseits wird es zukünftig immer
wichtiger werden, an diese Periode unserer Geschichte zu erinnern.
Selbst im Rückblick und mit 20 Jahren Abstand erscheint es
immer noch wie ein Wunder, wie sich die Welt in diesen 329 Tagen zwischen dem
9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 veränderte. Die Geschichte lief damals
wie im Zeitraffer. War da eben noch die Mauer, die uns in der DDR wie für die
Ewigkeit gemacht erschien, so war diese plötzlich nicht nur offen, sondern
innerhalb kürzester Zeit folgten freie Wahlen, die Währungsunion und schließlich
die deutsche Einheit.
Doch ungeachtet der weltweiten Veränderungen, wurde in
diesem knappen Jahr unter dem Druck der Bürger in der ehemaligen DDR viel und
hart gearbeitet, um die deutsche Wiedervereinigung Wirklichkeit werden zu
lassen. Das war die Leistung der letzten Volkskammer und der Diplomatie der
Regierung der Bundesrepublik.
An erster Stelle stand hier zunächst einmal Überzeugungsarbeit
bei unseren Nachbarn und Verbündeten. Die Wiedervereinigung Deutschlands
war schließlich mehr als eine bloße Zusammenführung der beiden deutschen
Teilstaaten. Die Skepsis im Ausland war groß. Das geteilte Deutschland war vier
Jahrzehnte ein stabilisierendes Element der internationalen Nachkriegsordnung.
Dabei war nicht nur gegenüber der Sowjetunion Überzeugungsarbeit zu leisten,
auch in Großbritannien und Frankreich sah man eine schnelle deutsche
Wiedervereinigung durchaus kritisch. Nach mehrmonatigen Gesprächen wurde mit
der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrages am 12. September 1990 der Weg
für die deutsche Wiedervereinigung frei.
Auf der anderen Seite mussten auch in der DDR die
Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung geschaffen werden. Die im März 1990
erstmalig frei gewählte Volkskammer der DDR hatte ein riesiges
Arbeitspensum. Die DDR, so wie wir sie erlebt hatten, war mit Westdeutschland
beim besten Willen nicht vereinbar. Die letzte Volkskammer hat die DDR wiedervereinigungsfähig
gemacht. Ich denke hier z. B. an die Verabschiedung des Verfassungsgrundsätzegesetzes
und das Gesetz über die Selbstverwaltung der Gemeinden und Landkreise in der
DDR (Kommunalverfassung), beide nicht ohne Grund verabschiedet am 17.
Juni 1990, oder aber an das Ländereinführungsgesetz vom 22. Juli. Es ist
das historische Verdienst der frei gewählten Volkskammer in der DDR, die
Voraussetzungen dazu und dann den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland beschlossen
zu haben.
Schon damals hat es Diskussionen gegeben und auch heute
lässt sich vortrefflich darüber streiten, ob bei der Wiedervereinigung alles
richtig gemacht wurde oder ob nicht besser ein anderer Weg hätte beschritten
werden sollen. Ich halte solche Überlegungen für nutzlos. Man hätte damals
vieles anders, aber nur weniges besser machen können.
Die eigentliche Politik wurde damals von den Menschen selbst
gemacht ¿ von den Menschen hier in Ostdeutschland. Es waren nicht nur die
Demonstrationen auf der Straße, sondern es war die Abwanderung in den
Westen, die einen Handlungsdruck erzeugt hat. Allein zwischen dem 9. November
und dem Jahresende 1989 hatten 300.000 DDR-Bürger ihr Land verlassen. Im Jahr
1990 sind es fast 400.000 gewesen. Der Wiedervereinigungsdruck entstand aus der
Bevölkerung heraus. Es war eine Abstimmung mit den Füßen. Beide Teile
Deutschland waren daran interessiert, diese Form einer Völkerwanderung zu
beenden.
Auch über die Frage, ob die Vereinigung nicht lieber nach Artikel
146 statt Artikel 23 des Grundgesetzes hätte erfolgen sollen, wurde diskutiert.
Das Grundgesetz hatte sich in mehr als vier Jahrzehnten Bundesrepublik
hervorragend bewährt. Zudem muss man sich vorstellen: Da saßen auf der einen
Seite 16 Millionen Ostdeutsche ¿ ein Teil davon schon auf den Koffern und die anderen
waren sich untereinander nicht einig, was sie wollten, die DDR war immerhin
gerade grandios gescheitert. Und auf der anderen Seite standen mindestens 60 Millionen
Menschen, die zu Recht auf eine gelungene wirtschaftliche Entwicklung verweisen
konnten. Diese sollten sich nun von uns sagen lassen, wie alles besser zu machen
sei? Das war schon damals eine irreale Vorstellung. Der Weg über Artikel 23 mit
allen damit verbundenen Problemen war letztlich der einzig vernünftig gangbare
Weg gewesen.
Wieder andere behaupten, die frühe Währungsunion und
die Arbeit der Treuhandanstalt hätten die DDR-Wirtschaft kaputt gemacht.
Das müsste jeder, der die DDR bewusst erlebt hat, eigentlich besser wissen.
Schon Experten der Regierung Modrow hatten Anfang 1990 30% der Unternehmen der
DDR als dringend sanierungsbedürftig, weitere 30% sogar als nicht
sanierungsfähig eingestuft.
Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit der Treuhandanstalt
und ihrer Nachfolger einzuschätzen, auch wenn wir wissen, dass dabei auch
Fehler begangen wurden und manch ein angeblicher Investor nur an eine Marktbereinigung
zum eigenen Vorteil gedacht hat.
So wäre die Rettung der Chemieindustrie in
Sachsen-Anhalt ohne die Arbeit von Treuhand und BVS wohl kaum gelungen.
Dabei stand gerade die chemische Industrie der DDR, die zum größten Teil im
Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt beheimatet war, in denkbar schlechtem Ruf.
Sie produzierte auf oft veralteten Anlagen und ohne Rücksicht auf die Umwelt zu
nehmen, Leuna und Bitterfeld/Wolfen waren dafür vor 20 Jahren zum Synonym
geworden. Ende der achtziger Jahre war bereits jeder fünfte Beschäftigte der
Chemischen Industrie der DDR mit Reparaturaufgaben betraut. 1989 wurde allein
auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt ein Drittel mehr Schwefeldioxid und
Staub emittiert als in der gesamten alten Bundesrepublik. Heute beträgt die
Belastung noch 1% der Werte aus DDR-Zeiten und auch die Kohlendioxid-Emissionen
wurden um 55% gesenkt.
Natürlich war der Umbau der chemischen Industrie bei uns
kein einfacher Prozess. Zunächst einmal gingen sehr viel mehr Arbeitsplätze
verloren, als erhalten werden konnten oder neu entstanden. Und nicht jede Entscheidung
konnte von den von ihr Betroffenen nachvollzogen werden, auch wenn sie
letztlich notwendig war. Ich erinnere nur an die Worte des damaligen Wirtschaftsministers
Klaus Schucht zu den Buna-Arbeitern hier auf dem Domplatz. Heute wird in
Schkopau gewiss niemand mehr bezweifeln, dass die Privatisierung an DOW die
Rettung für den Standort war.
In der Chemischen Industrie Sachsen-Anhalts waren 1991
noch rund 75.000 Menschen beschäftigt. Innerhalb von weniger als zehn Jahren
ging deren Zahl auf etwas über 16.000 zurück. Heute arbeiten in der Chemischen
Industrie unseres Landes wieder rund 25.000 Menschen, vor allem aber: Schon
2005 wurde mit einer deutlich geringeren Beschäftigtenzahl wieder der Umsatz
erreicht, den die Branche in den Jahren 1989/90 einmal hatte. Hinsichtlich des
Umsatzes je Beschäftigten liegen wir bereits seit der Jahrtausendwende
kontinuierlich über dem deutschen Branchendurchschnitt. All dies zeugt von
einem erfolgreichen Strukturwandel, auf den wir zu Recht stolz sein können, der
gleichwohl ohne die deutsche Einheit nicht zustande gekommen wäre. Und so wie
in der Chemischen Industrie vollzog er sich in den anderen Wirtschaftsbereichen
unseres Landes. Für Tausende führte dieser Strukturwandel zunächst zum Verlust
ihres Arbeitsplatzes. Dank schulden wir auch jenen Mitarbeitervertretungen, die
diesen Prozess aus Einsicht in die Notwendigkeiten verantwortungsvoll begleitet
haben.
Einige haben sich damals sogar überlegt, wie man die
erhofften Erlöse aus der Privatisierung der Volkswirtschaft unter der Bevölkerung
verteilen könnte. Um den riesigen Bedarf an technologischer Modernisierung und
ökologischer Sanierung überhaupt bezahlen zu können, musste die Treuhand für
jede D-Mark die sie eingenommen hatte zwei D-Mark aus dem Staatshaushalt dazu
geben. Finanziert wurde das aus einem Fonds Deutsche Einheit, der bis heut noch
nicht abgezahlt ist. Der Neuaufbau der Wirtschaft war nur mit erheblicher
finanzieller Hilfe möglich.
Lassen Sie mich ein paar Zahlen nennen, die die Dimension
der Aufbauleistung allein für Sachsen-Anhalt deutlich machen. Seit 1991 bis
einschließlich 2010 sind aus verschiedenen Quellen rund 85,6 Mrd. ¿ nach
Sachsen-Anhalt geflossen, darunter 9,5 Mrd. ¿ aus dem Länderfinanzausgleich und
rund 7,8 Mrd. ¿ aus den EU-Fonds. Mehr als 55 Mrd. ¿ stammen aus
Bundesergänzungszuweisungen und weiteren Bundesmitteln, 12,6 Mrd. aus dem Fonds
Deutsche Einheit.
Die Gelder sind z. B. in den Ausbau der Infrastruktur
geflossen, so rund 9,2 Mrd. ¿ in den Straßenbau. Wir alle wissen, wie es um den
Zustand der Straßen in der DDR bestellt war und wie notwendig diese Investitionen
waren. Rund 4,4 Mrd. ¿ sind in die bauliche Sanierung und die medizintechnische
Ausstattung der Krankenhäuser gegangen. 6,2 Mrd. ¿ dienten der Förderung von
Investitionsvorhaben der gewerblichen Wirtschaft und haben dort ein
Investitionsvolumen von rund 32,5 Mrd. ¿ ausgelöst. So konnten mehr als 131.000
neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Fast ein Drittel der Investitionen,
nämlich rund 9,3 Mrd. ¿ stammte dabei von ausländischen Unternehmen.
Nicht enthalten in der genannten Summe sind die Mittel,
die an die Bürgerinnen und Bürger aus den Sozialversicherungen geflossen sind,
da diese in Ost wie West nach den gleichen Grundlagen gezahlt werden. Deshalb
darf daran erinnert werden, dass es neben der vereinbarten Wirtschafts- und
Währungsunion die dritte Komponente, nämlich die Sozialunion war, die uns sehr
geholfen hat, die schwierige Phase des Umbaus zu meistern, indem sie soziale
Härten abgefedert und so verhindert hat, dass Menschen, die ihre Arbeit
verloren, plötzlich vor dem Nichts standen. Dazu gehört auch die Anfang der
neunziger Jahre in großem Umfang praktizierten Frühverrentungen. All dies hat
uns in den neuen Bundesländern deutlich von unseren osteuropäischen Nachbarn
unterschieden, wo der Transformationsprozess sehr viel stärker soziale Härten
mit sich gebracht hat. Auch daran muss in diesem Zusammenhang erinnert werden.
Mit der noch nicht erfolgten völligen Anpassung der Rentenberechnungsformel
sollten wir uns bewusst noch Zeit lassen. Eine zu schnelle Anpassung würde zu
deutlichen Nachteilen für die Betroffenen in den neuen Bundesländern führen.
Insgesamt sind aus Transferzahlungen in den letzten 20
Jahren pro Jahr im Schnitt 4,3 Mrd. ¿ nach Sachsen-Anhalt geflossen. Geld, auf
das wir dringend angewiesen waren und auch noch sind. Dazu reicht schon der
Blick auf die Steuerdeckungsquote unseres Landeshaushaltes, die 2009 bei
53% lag. Wir wissen aber auch, dass 20 Jahre nach der deutschen Einheit diese
Mittel rückläufig sind. 2014 werden wir z. B. mit nur noch knapp 3,4 Mrd. ¿
rechnen können. Wir müssen in Sachsen-Anhalt wie in den anderen neuen Bundesländern
also zunehmend auf eigenen Füßen stehen. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies
gelingen kann. Aber es wird nicht einfach werden.
Bereits in den Jahren von 2007 bis 2009 sind wir in
unserem Landeshaushalt ohne neue Schulden ausgekommen. Dann mussten wir
wegen der weltweiten Wirtschaftskrise wieder Kredite aufnehmen. An unserem Ziel
der Haushaltskonsolidierung freilich ändert dies nichts. Zum Schuldenabbau gibt
es auch angesichts der demographischen Entwicklung keine Alternative.
Unsere Wirtschaft ist nicht mehr vergleichbar mit der der
neunziger Jahre. Sie ist sehr viel robuster geworden. Wir sind bislang auch
vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Die Arbeitslosenzahlen sind
weiter gesunken und so niedrig wie seit Beginn der neunziger Jahre nicht mehr.
Auch andere Wirtschaftsdaten stimmen optimistisch. So ist das Bruttoinlandsprodukt
preisbereinigt von 1991 bis 2009 in Sachsen-Anhalt um 65,6% gestiegen, in
Deutschland insgesamt waren es 22,7%. Inzwischen erreichen wir fast 74% des
gesamtdeutschen Wertes, 1991 war es erst die Hälfte.
Während 1991 noch 77,2 Arbeitsstunden erforderlich waren,
um 1000 ¿ des BIP zu erwirtschaften, waren es 2008 nur noch 28,6 Stunden. Diese
Produktivitätsverbesserung hatte auch zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit
langsamer zurück ging als von uns erhofft.
Erfreulich ist auch, dass es uns gelungen ist, insgesamt
einen Strukturwandel zu vollziehen. Es sind nicht mehr allein die für
Sachsen-Anhalt traditionell wichtigen Branchen wie die Chemieindustrie, der
Maschinenbau oder die Ernährungsbranche, die das Bild unserer Wirtschaft
prägen. Neue Branchen wie die Automobilzulieferer, die Solarindustrie und der
Windenergieanlagenbau wie insgesamt der Bereich der regenerativen Energien sind
hinzu gekommen. Damit ist unsere Wirtschaft nicht nur vielgestaltiger, sondern
auch weniger krisenanfällig geworden. Ausdruck der gewachsenen Leistungskraft
unserer heimischen Wirtschaft ist die gestiegene Exportquote. Lag diese vor
zehn Jahren noch bei lediglich 15,7%, so ist sie inzwischen auf rund 27% im
Jahr 2009 gestiegen. Wir wissen natürlich, dass auch hier noch Steigerungspotential
vorhanden ist, vom deutschen Durchschnitt von 44% sind wir noch ein ganzes
Stück entfernt.
Eine Ursache liegt ohne Zweifel in der recht kleinteiligen
Wirtschaftsstruktur in Sachsen-Anhalt begründet. 90% aller Unternehmen haben
weniger als 20 Arbeitsplätze. Das bei uns entwickelte Modell der Chemieparks,
das auch international Beachtung gefunden hat, oder Firmennetzwerke wie
das der Automobilzulieferer MAHREG sind unser Weg in die Zukunft. Sie zeigen,
wie man durch Bündelung der Kräfte positive Effekte für die Entwicklung der
Wirtschaft in einer Region organisieren kann.
Der noch zu den westlichen Flächenländern bestehende Unterschied
beim BIP pro Einwohner resultiert aus der noch zu geringen Dichte an
Industriearbeitsplätzen. Bezogen auf die einzelnen Arbeitsplätze ist die
Produktivität nur noch unwesentlich geringer. Umfangreiches Datenmaterial wurde
von den Statistischen Ämtern der Länder und des Bundes dazu zusammengetragen
und auch mit dem Jahresbericht 2010 der Bundesregierung zur Deutschen Einheit
vorgelegt. Es gibt auch bemerkenswerte Erfolgsgeschichten. Eine nach 1990
gegründete kleine Firma ist inzwischen auf über 2000 Beschäftigte gewachsen und
hat ihren Hauptsitz kürzlich in ein Gebäude verlegt, dass in besonderer Weise
mit der Magdeburger Industriegeschichte verbunden ist, in das im 19.
Jahrhundert errichtete Hauptgebäude von Krupp-Gruson, dann lange als SKET Verwaltungsgebäude
genutzt und heute wieder voller Leben.
Selbstverständlich waren die letzten 20 Jahre nicht nur
vom wirtschaftlichen Umbau in unserem Land geprägt, wenn auch die Wirtschaft
der Bereich ist, in dem die Grundlagen für den gesellschaftlichen Wohlstand
gelegt werden. Nur das was produziert wird, kann auch verbraucht oder verkauft
werden, eine einfache Grundregel, die konsequent befolgt werden sollte, auch
das lehrte uns die DDR-Geschichte.
Neben veränderten Wirtschaftsstrukturen hat die deutsche
Einheit uns auch die Strukturen eines Rechtsstaates und damit Rechtssicherheit
für die Bürgerinnen und Bürger gebracht. Die Gewaltenteilung in Legislative,
Exekutive und Judikative, ohne die keine Demokratie funktionieren kann, wurde
wiederhergestellt. Der Landtag hat in seiner ersten Legislaturperiode immerhin
über 279 Gesetzentwürfe zu beraten gehabt. In der letzten Legislaturperiode von
2002 bis 2006 waren es noch 155. Wir geben zu, dass wir die Regeln des
Parlamentarismus erst wieder lernen mussten.
Gleichwohl waren dies vermutlich noch die einfachsten Anpassungsprozesse;
nämlich der staatsrechtliche, der verfassungsrechtliche, der kommunalrechtliche,
der verwaltungsrechtliche Anpassungsprozess an den gesamten Gesetzeskodex der
westlichen Bundesländer. Vieles musste nur abgeschrieben werden, weil es zum
Rechtsrahmen gehörte und sich bereits bewährt hatte.
Mir haben - bestimmt zu Recht - nicht wenige
Verwaltungsbeamte aus Westdeutschland gesagt: Wenn wir unsere Wirtschaft nach
dem Zweiten Weltkrieg mit dem gleichen Gesetzeskodex und mit den
gleichen schwierigen Durchführungsbestimmungen, beispielsweise dem § 44
der LHO, hätten aufbauen müssen, hätten wir das nicht geschafft. Wir haben
Gesetze übernommen, die in Westdeutschland erst in der ersten Hälfte der
70er-Jahre geschaffen wurden, also nachdem der wirtschaftliche Aufbau dort im
Wesentlichen abgeschlossen war. Es ist darüber diskutiert worden, ob man nicht
für eine Übergangsphase nur einen Teil des westdeutschen Rechtsapparates
übernimmt.
Es waren die Vertreter der Volkskammer, die gesagt haben,
wir wollen unter den Schutz des Grundgesetzes. Wir wollen keine andere Rechtslage,
wir wollen kein Sondergebiet, wir wollen Teil der Bundesrepublik werden. Damit
haben wir ein Verwaltungsrecht übernommen, das sehr ausdifferenziert und
deshalb auch sehr personalaufwendig ist. Trotzdem müssen wir es mit den
gleichen Personalzahlen schaffen, mit denen es auch die westlichen Flächenländer
hinbekommen. Die dazu notwendigen strukturellen Reformen in allen
Verwaltungsbereichen unseres Landes haben wir durchorganisiert.
In der Bilanz der Bürgerinnen und Bürger in unserem
Land 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sieht manches anders aus. An Umfragen,
die uns die Befindlichkeit unserer Bürger 20 Jahre nach der deutschen
Wiedervereinigung nahebringen wollen, fehlt es derzeit nicht.
Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen
Forschungszentrums Berlin-Brandenburg hat ergeben, dass sich nur 9% der
Befragten in den neuen Bundesländern die DDR zurück wünschen. Aber mehr als die
Hälfte will weder die DDR wieder haben, noch fühlt sie sich im geeinten Deutschland
schon richtig wohl. 52% der Westdeutschen sind wiederum der Meinung, dass es
dem Osten inzwischen besser oder zumindest teilweise besser geht als dem
Westen. Auch dafür gibt es schon Beispiele, wenn man die Leistungsstatistiken
bis auf Kreisebene herunter bricht. Die immer häufiger polemisch geäußerte
Frage, wenn denn die sogenannte innere Einheit erreicht sei, wird sich mit
einzelnen statistischen Ergebnissen nicht beantworten lassen.
Zu den emotionalen Problemen , die wir noch nicht
überwunden haben, gehört auch, dass wir uns in Ost- und Westdeutschland gegenwärtig
noch mit Vorurteilen begegnen. Niemand aus der ehemaligen DDR muss sich
einreden lassen, dass der Misserfolg des Wirtschaftssystems ein persönliches
Versagen gewesen sei und das seine persönliche Lebensleistung deshalb weniger
Wert sei. Niemand aus den westlichen Bundesländern kann mit Recht so auftreten,
als ob der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft sein ganz persönlicher
Lebenserfolg sei. Beides hat es gegeben; weder das eine noch das andere sollte
uns noch beeindrucken. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung haben aber beide
viele gute Gründe, gemeinsam über die bisher erreichte Aufbauleistung in den
östlichen Bundesländern stolz zu sein.
Der mentale Transformationsprozess ist sicher noch nicht
abgeschlossen. Totalitäre Sozialisationserfahrungen in einer vormundschaftlichen
Fürsorgediktatur müssen zwangsläufig zu einer anderen Verhaltensweise führen
als die Sozialisation in einer weltoffenen Wettbewerbsgesellschaft. Noch heute
ist die Neigung, vom Staat mehr zu erwarten als er in einer freiheitlichen
Leistungsgesellschaft zu leisten vermag, in den neuen Ländern weit verbreitet.
Eine andere Frage, die immer wieder thematisiert wird, ist
die Ost-West-Angleichung . Auch 20 Jahre nach der Einheit gibt es noch
Unterschiede, z. B. bei den durchschnittlichen Einkommen und den
durchschnittlichen Renten.
Die neuesten Angaben zu den verfügbaren Einkommen
in Deutschland weisen für den Bördekreis pro Kopf im Jahr 2009 rund 16.700 ¿
aus. Er liegt damit an der Spitze in Sachsen-Anhalt. Das sind zwar nur 88,2 %
des deutschen Durchschnitts. Aber es sind mehr als in der Stadt Flensburg, die
auf 86,3 % des deutschen Durchschnitts kommt und auch mehr als die 87% aus
Gelsenkirchen. Wir sollten zunehmend den Blick auf das richten, was wir
erreicht haben, das bedeutet nicht, aus den Augen zu verlieren, was wir noch
erreichen wollen.
In allen föderalistisch strukturierten Staaten der Welt
gibt es regionale Unterschiede. Die zwischen Ost und West in Deutschland sind
nur noch wenig größer als die zwischen Nord und Süd. Aber wir leiden mehr darunter,
weil wir hier über 60 Jahre zentralistische Staatsstrukturen hatten.
Die Forderung nach gleichwertigen Lebensverhältnissen
sollte auch nicht zum Verzicht auf unsere regionale Identität führen. Auch wir
können mit Stolz auf einiges verweisen, was wir als Alleinstellungsmerkmale
unseres Landes behalten und wofür wir werben wollen.
Die Menschen bei uns wollten die Freiheit. Sie meinten
damit die Reisefreiheit und sie meinten damit die Presse- und Meinungsfreiheit.
Sie meinten natürlich auch die D-Mark, nach der laut gerufen wurde. Aber sie
wussten nicht und konnten nach über 60 Jahren Unfreiheit auch nicht wissen,
dass Freiheit auch mehr Selbstverantwortung und mehr Risikoübernahme durch
jeden einzelnen bedeutet.
Das Erlebnis des wirtschaftlichen Transformationsprozesses
mit der hohen Arbeitslosigkeit, mit der großen Verunsicherung und auch der Enttäuschung
vieler, die in diesen Prozess mit Illusionen hineingegangen sind, hat dazu
geführt, dass die Freiheit heut von nicht wenigen anders gesehen wird. Es gibt
heute noch eine nicht geringe Anzahl von Menschen, die vor dieser Freiheit
Angst haben, weil sie sich ihr nicht gewachsen fühlen. Ihnen sind wir Chancen
schuldig, sich selbst in dieser Freiheit bewähren zu können.
Wer, für diese Freiheit wirbt, der muss sich auch darum kümmern,
dass sich die Menschen dieser Freiheit gewachsen fühlen können. Das ist unsere
Aufgabe als Politiker.
Ich weiß, dass wir dafür noch einiges zu tun habe. Wir in
den neuen Bundesländern haben jetzt einen großen Anteil an Bürgerinnen und
Bürgern mit gebrochenen Erwerbsbiografien und noch immer viele Langzeitarbeitslose.
Sie wachsen in eine Zukunft hinein mit niedrigen Rentenansprüchen. Je früher
die noch unterschiedliche Rentenberechnungsformel an die gültige im Westen
angeglichen würde, desto niedriger werden die Rentenansprüche. Es ist in
unserem Interesse, diesen Prozess zu prolongieren. Damit wächst die Zahl der
Personen mit Grundsicherungsansprüchen an ihre Kommune überproportional. Unsere
Gemeinden, die durchschnittlich nur 51 % des Gewerbesteueraufkommens der
westdeutschen Gemeinden haben, werden dies nicht leisten können. Diejenigen,
die schon vor 20 Jahren gegen die Wiedervereinigung Deutschlands gestimmt
haben, erklären das jetzt schon zu einer glatten Katastrophe. Diejenigen aber,
die sich heut noch über das erlebte Wunder der Wiedervereinigung freuen, werden
sich nicht entmutigen lassen. Als ein noch zu lösendes Problem aber dürfen wir
es nicht unterschätzen.
Es gibt auch noch andere Folgen der Teilung und der
Wiedervereinigungspolitik, aus denen Handlungsbedarf resultiert. Fast alle
diese Probleme werden sich umso schneller und umso besser lösen lassen, je
schneller die eigene Wirtschaftskraft und dadurch das eigene Steueraufkommen
wachsen werden. Deshalb müssen wir uns auf diese Aufgabe schwerpunktmäßig
konzentrieren.
Die wichtigsten Aufgaben bei der Umwandlung einer
sozialistischen Planwirtschaft zu einer privatrechtlich organisierten
weltoffenen Marktwirtschaft sind erledigt. Unsere wirtschaftliche Grundlage ist
noch zu klein, aber sie ist wettbewerbsfähig. Auch die Zahl anspruchsvoller und
besser bezahlter Arbeitsplätze wird zunehmen. Niemand will einen Niedriglohnsektor
um seiner selbst Willen, aber es ist immer noch besser, eine weniger gut
bezahlte Arbeit zu haben als gar keine. Inzwischen werden Fachkräfte gesucht.
Das ist nicht nur eine Chance für junge Menschen, die nach guter Ausbildung
erstmals ins Arbeitsleben eintreten, sondern auch für Ältere, die einen besser
bezahlten Arbeitsplatz ausfüllen können.
Die Umwandlung der Staats- und Rechtsstrukturen einer
zentralistischen Diktatur in eine föderale und freie parlamentarische
Demokratie ist abgeschlossen. Die notwendigen Strukturreformen zur Anpassung an
die demografische Entwicklung ist auf allen Verwaltungsebenen und in allen
Verwaltungsbereichen erfolgt. Trotzdem bleibt noch wichtiges zu tun.
Die Anpassung der Haushaltsausgaben an die eigenen Einnahmen
wird noch einige Jahre dauern. Ich hoffe sehr, dass die Konsolidierungshilfen
dabei nicht verspielt werden.
Die Anpassung der Personalbestände an die demografische Entwicklung
ist eine schwierige, aber notwendige Maßnahme. Sie ist noch nicht erledigt.
Der Abbau der jährlichen Zinslasten durch Rückzahlung der
Kreditschulden wird noch lange dauern. Das wird nur möglich, wenn Mehrausgaben
nicht gleich verausgabt werden und wenn die eigene Wirtschaftskraft weiter
wächst.
Es wird die Zeit kommen, in der neue Abgeordnete sich über
die hohen Schulden aus den Anfangsjahrzehnten unseres Landes laut wundern
werden. Ihnen muss man dann von den Problemen der Übergangs- und Aufbaujahre
berichten.
Es wird die Zeit kommen, da werden nachgeborene Generationen
danach fragen, wie das war, als Deutschland geteilt war und warum und worin
denn der Unterschied bestand im Leben in den beiden Teilen Deutschlands. Dann
sollte ihnen nicht nur von den unterschiedlichen Wirtschafts-, Rechts- und Machtstrukturen
berichtet werden, nicht nur vom unterschiedlichen Gebrauch staatlicher Gewalt
und vormundschaftlicher Betreuung, sondern auch von den unterschiedlichen
gesellschaftlichen Zielen und Hoffnungen.
Auch die Verantwortlichen in der ehemaligen DDR waren
nicht daran interessiert, sich bei ihren Bürgern unbeliebt zu machen. Sie waren
überzeugt von ihrer Ideologie, mit dem Ziel einer neuen sozialen Gerechtigkeit,
die mit selbst erfundenen angeblich objektiven Gesetzen der menschlichen
Zivilisationsgeschichte begründet wurde. Damit wurden alle Zwangs- und
Strafmaßnahmen und die Begrenzung individueller Freiheiten begründet.
Parallelen dazu gibt es in der Geschichte einiger
Religionen vor der Zeit der Aufklärung.
Wenn wir unsere DDR-Erfahrungen auswerten, muss dies zu
einer Aufklärung über die Begleiterscheinungen sozialutopischer Ideologien und
Hoffnungen führen. Diese Aufgabe haben wir nur unvollständig geleistet.
In jeder Gesellschaftsordnung, die Leistung braucht und
auf Leistung der Bürger setzt, wird es auch immer wieder Unterschiede und
Spannungen geben. Die Illusion von einem konfliktfreien Zusammenleben gibt es
zwar schon immer und wird es auch weiter geben. Je mehr Menschen dabei
reglementiert werden, umso stärker wird der Drang nach Freiheit. Wir haben
beides erlebt. Die Menschen in Ostdeutschland und in Osteuropa haben dies mit
ihrem Freiheitswillen bezeugt.
Auch zukünftige Generationen werden nach neuen Wegen suchen,
für sich Gerechtigkeit zu organisieren. Es gibt kein Ende der Geschichte.
Genauso wichtig wie der individuelle Wunsch nach Wohlstand
dabei ist der individuelle Wunsch nach Selbstbestimmung in Freiheit. Das erst bedeutet
die Achtung der Würde jedes Einzelnen. Unsere Erfahrungen können dafür
Ermutigung sein, unsere Erinnerungen sollen dabei helfen.
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