Hövelmann zur Eröffnung der
Interkulturellen Woche: Wer die Fähigkeiten von Migranten brachliegen lässt,
schneidet sich ins eigene Fleisch
21.09.2010, Magdeburg – 133
- Ministerium für Inneres und Sport
Ministerium des Innern - Pressemitteilung Nr.: 133/10
Ministerium des Innern - Pressemitteilung Nr.: 133/10
Magdeburg, den 21. September 2010
Hövelmann zur Eröffnung der
Interkulturellen Woche: Wer die Fähigkeiten von Migranten brachliegen lässt,
schneidet sich ins eigene Fleisch
Sachsen-Anhalts Innenminister Holger
Hövelmann (SPD) hat dafür plädiert, die Fähigkeiten zugewanderter Arbeitnehmer besser
zu nutzen und ihre im Herkunftsland erworbenen Abschlüsse anzuerkennen. Beim
landesweiten Auftakt zur Interkulturellen Woche in Sachsen-Anhalt sagte
Hövelmann in Magdeburg: ¿Dass Menschen mit hochwertigen akademischen oder
beruflichen Abschlüssen zu ungelernten Tätigkeiten gezwungen sind, nur weil ihr
Abschluss im Ausland erworben wurde ¿ das ist nicht nur eine Abwertung ihrer
Leistungen, das ist vor allem auch eine Vergeudung menschlicher Potentiale und
in einer globalisierten Wirtschaftswelt völlig überholt. Eine
Mehrheitsgesellschaft, die systematisch zugewanderte Fähigkeiten brachliegen
lässt, schneidet sich ins eigene Fleisch.¿
Hövelmann nahm zur aktuellen Integrationsdebatte Stellung und erklärte, er
wolle einem Menschenbild widersprechen, das den ¿Wert¿ ganzer
Bevölkerungsgruppen an ihrem volkswirtschaftlichen Ertrag misst. ¿Jeder Mensch
ist gleich wertvoll, unabhängig von seiner Religion, seiner Kultur und seinem
Beitrag zum Bruttosozialprodukt¿, so Hövelmann. ¿Und jede Art von Rassentheorie
gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.¿ Bis vor wenigen Wochen habe er diese
Klarstellungen noch für selbstverständlich gehalten.
Der Beitrag des Innenministers im Wortlaut:
¿Einerseits begrüße ich es sehr, dass die landesweite Auftaktveranstaltung zur
Interkulturellen Woche in Sachsen-Anhalt in diesem Jahr die
Arbeitsmarktpotentiale von Zugewanderten zum Thema hat. Denn das ist eine große
Chance, den Beitrag herauszustellen, den zugewanderte Arbeitnehmer, aber auch
ausländische Investoren und Existenzgründer für den wirtschaftlichen Aufbau in
Sachsen-Anhalt leisten. Und eine Chance, um deutlich zu sagen: Wir brauchen
mehr Zuwanderung, um diese wirtschaftliche Entwicklung zu stärken.
Andererseits ich unmissverständlich einem Menschenbild widersprechen, das den
,Wert` ganzer Bevölkerungsgruppen an ihrem volkswirtschaftlichen Ertrag misst.
Deshalb will ich aus aktuellem Anlass zwei Dinge klarstellen, die ich bis vor
wenigen Wochen noch für eine Selbstverständlichkeit gehalten hätte:
Erstens: Jeder Mensch ist gleich wertvoll, unabhängig von seiner Religion,
seiner Kultur und seinem Beitrag zum Bruttosozialprodukt.
Und zweitens: Jede Art von Rassentheorie gehört auf den Müllhaufen der
Geschichte.
Ausgrenzung hat viele Facetten, auch die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt. Seit
Jahren führen wir unter den Innenpolitikern die Auseinandersetzung darum, wie
Menschen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen können, die seit langem in
Deutschland leben und häufig auch schon eine Familie gegründet haben, die
rechtlich aber nur als ,geduldet` gelten. Hier ist zwar schon einiges in
Bewegung geraten, aber wir brauchen sowohl im Interesse der Betroffenen als
auch im Sinne der Arbeitsmarktentwicklung größere gesetzliche Spielräume sowohl
für Geduldete als auch für Asylbewerber.
Erst in jüngster Zeit wird jedoch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass
auch viele erwerbstätige Menschen mit Migrationshintergrund ausgegrenzt sind ¿
sie sind ausgeschlossen von dem Beruf, den sie erlernt haben und in dem sie oft
exzellente Qualifikationen erlangt haben.
Dass Menschen mit hochwertigen akademischen oder beruflichen Abschlüssen zu
ungelernten Tätigkeiten gezwungen sind, nur weil ihr Abschluss im Ausland
erworben wurde ¿ das ist nicht nur eine Abwertung ihrer Leistungen, das ist vor
allem auch eine Vergeudung menschlicher Potentiale und in einer globalisierten
Wirtschaftswelt völlig überholt.
Eine Mehrheitsgesellschaft, die systematisch zugewandertes Know-how brachliegen
lässt, schneidet sich ins eigene Fleisch. Das Programm der heutigen Veranstaltung
zeigt aber sehr anschaulich, wie viele Zugänge zum Thema Potentiale und
Qualifikationen von Zugewanderten es gibt. Die Zeit ist also reif, das Problem
der Anerkennung ausländischer Abschlüsse jetzt endlich zu lösen.
Wenn wir über Arbeitsmarktpotentiale von Zugewanderten sprechen, dann geht es
natürlich nicht nur um die Qualifikationen von Menschen im erwerbsfähigen
Alter. Es geht insbesondere auch um die Qualifizierung ihrer Kinder und um
deren Zugangschancen zum Arbeitsmarkt.
Wenn heutzutage von sogenannten Integrationsdefiziten die Rede ist, dann steht
zu Recht das Thema Bildung an erster Stelle. Aber das Bild, das in der
gesellschaftlichen Debatte von jungen Migrantinnen und Migranten gezeichnet
wird, ist allzu oft das Klischeebild vom schulschwänzenden jungen Mann und
seiner kopftuchtragenden Schwester aus Berlin-Neukölln mit bildungsfernem
anatolischen, muslimischen Elternhaus. Wir wissen, dass dieses Klischeebild
schon im bundesweiten Maßstab nicht passt und im sachsen-anhaltischen noch viel
weniger. Wir wissen, wie viele junge Migrantinnen und Migranten in unseren
Schulen Spitzenleistungen erbringen.
Leider gibt es tatsächlich viele junge Menschen, die Bildungsangebote nicht
nutzen und dadurch von gesellschaftlicher Teilhabe schon frühzeitig
ausgeschlossen sind. Es gibt sie unter jungen Migrantinnen und Migranten ebenso
wie unter jungen Deutschen. Es sind soziale Faktoren, die ihnen den Zugang zu
hochwertiger Bildung erschweren, allen voran die Bildungsabschlüsse und die
berufliche Stellung ihrer Eltern.
In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte sich in der ¿
damals westdeutschen ¿ Gesellschaft die Erkenntnis durch, dass das
Bildungssystem soziale Hürden abbauen und Arbeiterkindern den Zugang zu höherer
Bildung ermöglichen muss. (In Ostdeutschland fand dieser Prozess unter anderen
Vorzeichen ebenfalls statt.)
Dieser bildungspolitische Aufbruch war eine Erfolgsgeschichte. Wenn man sich
einmal ausmalt, was passiert wäre, wenn man damals nicht nach sozialen
Barrieren, sondern nach Religion und nach Genen gefragt hätte, dann wird
schnell deutlich, was für seltsame Fragestellungen die aktuelle
,Integrations`-Debatte hat.
Unser Bildungssystem ist heute wieder in hohem Maße sozial undurchlässig.
Einkommen und Bildungshorizont des Elternhauses prägen allzu oft die
Ausbildungswege und Zukunftschancen der Kinder. Wen kann es wundern, wenn das
auch und gerade für Kinder aus Migrationsfamilien zutrifft?
Damit können wir uns nicht abfinden, aber damit müssen wir uns auch nicht abfinden.
Chancengleichheit ist machbar. Viele andere Länder in Europa machen es uns vor:
mit einem Bildungssystem, das mehr jungen Menschen mehr Chancen gibt, durch
intensivere Betreuung in Ganztagsschulen und durch ein längeres gemeinsames
Lernen, damit sich persönliche Befähigungen besser entfalten können.
Noch nie wurde der menschenfreundliche Ansatz der Interkulturellen Woche in
Deutschland so sehr gebraucht wie in diesem Jahr. Ich wünsche uns allen, dass
sie in Sachsen-Anhalt und überall ein unübersehbares Zeichen für
Mitmenschlichkeit, Verständnis und Toleranz setzt.¿
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