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?Forum für Wirtschaft und Arbeit?
verabschiedet Thesen zur Bildungspolitik
Wirtschafts- und Arbeitsminister Haseloff: "Duale Berufsausbildung darf
nicht zur "Restgröße" werden"

29.03.2010, Magdeburg – 50

  • Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung

 

 

 

 

 

Ministerium für Wirtschaft und Arbeit - Pressemitteilung Nr.: 050/10

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ministerium für Wirtschaft und

Arbeit - Pressemitteilung Nr.: 050/10

 

 

 

Magdeburg, den 29. März 2010

 

 

 

¿Forum für Wirtschaft und Arbeit¿

verabschiedet Thesen zur Bildungspolitik

Wirtschafts- und Arbeitsminister Haseloff: "Duale Berufsausbildung darf

nicht zur "Restgröße" werden"

 

 

 

 

¿Die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes

kann nicht nur mit Fördermitteln angestoßen werden. Eine zunehmende Bedeutung

erlangen nicht-monetäre Standortfaktoren. Derzeit können schon bei einem

Drittel der ausbildenden Unternehmen die Ausbildungsplätze nicht besetzt

werden. Hauptgrund ist die mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber. Der

Bildungspolitik kommt daher mit Blick auf die Sicherung des künftigen

Fachkräftebedarfs eine zentrale Rolle zu.¿

 

 

 

Das sagte heute Wirtschafts- und Arbeitsminister

Dr. Reiner Haseloff anlässlich der Vorstellung der vom ¿Forum für

Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt¿ erarbeiteten Thesen zur

Bildungspolitik. Die Thesen umfassen Vorschläge und Forderungen für alle Phasen

des Lernens ¿ von der frühkindlichen Bildung über die schulische und berufliche

Ausbildung bis hin zum lebenslangen Lernen und zur Qualifizierung während der

Berufsausübung.

 

 

 

Das Forum will eine breite Diskussion anstoßen über

eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart. ¿Facharbeiter

stellen mit über zwei Dritteln die übergroße Mehrheit der arbeitenden

Bevölkerung in Sachsen-Anhalt. Um auch künftig Wirtschaftswachstum zu erzielen,

sind Facharbeiter in Größenordnungen erforderlich und müssen qualifiziert

ausgebildet werden. Die duale Berufsausbildung darf im Wettbewerb mit den

akademischen Abschlüssen nicht zu einer "Restgröße" werden¿, so Haseloff.

 

 

 

Das Forum empfiehlt eine bessere Zusammenarbeit der

Schulen mit der Wirtschaft, um eine optimale Berufsorientierung zu erreichen,

sowie die Erhöhung des Praxisbezugs des Unterrichts durch eine verstärkte

Nutzung von Schülerpraktika. Auch müssten die Potenziale frühkindlichen Lernens

 

 

 

 

besser genutzt und die Berufsschulen in ihrem

Kerngeschäft ertüchtigt werden.

 

 

 

Das Forum ist der Auffassung, dass mehr Eigenverantwortung

der Schulen ein Weg sein könnte, die Ausbildungsreife sowohl in den

Grundkompetenzen (Deutsch und mathematische, naturwissenschaftliche und

technische Fächer) als auch in den sozialen Fähigkeiten (Zuverlässigkeit, Team-

und Konfliktfähigkeit, Leistungsbereitschaft) zu erhöhen. Eine stärker

leistungsorientierte Vergütung können sich die Mitglieder des Forums ebenso

vorstellen wie mehr Freiraum in Fragen des Budgets und Personals.

 

 

 

Carola Schaar , Präsidentin der Industrie und Handelskammer

Halle-Dessau, hob für die Industrie- und Handelskammern des Landes die

Besonderheiten der dualen beruflichen Ausbildung hervor: ¿Die Jugendlichen

lernen in der Schule und im Betrieb. Sie erwerben neben dem theoretischen

Rüstzeug auch berufliche Erfahrung und Handlungsfähigkeit. Die Arbeit im

Unternehmen mit den Kollegen befördert die sozialen Kompetenzen. Disziplin,

Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit werden quasi nebenbei vermittelt, das

ist der besondere Mehrwert der beruflichen dualen Ausbildung gegenüber Schule

und Studium¿, so Schaar.  

 

 

 

Der Präsident der Handwerkskammer

Magdeburg, Werner Vesterling , betonte: ¿Niemand darf beim permanenten

Veränderungsprozess im Handwerk zurückgelassen werden. Unsere Gesellschaft kann

es sich auf Dauer nicht leisten auf Humanressourcen zu verzichten.¿

 

 

 

Der Präsident der Handwerkskammer

Halle (Saale), Thomas Keindorf , unterstrich die Notwendigkeit der

Sicherung des Fachkräftebedarfs in Sachsen-Anhalt: ¿Diese Aufgabe ist nur

gesamtgesellschaftlich lösbar. Daher begrüßt das Handwerk, dass im Forum für

Wirtschaft und Arbeit dazu die Grundlagen geschaffen wurden.¿

 

 

 

Der Präsident der Arbeitgeber- und

Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalt, Klemens Gutmann, unterstrich: ¿Die Wirtschaft braucht praxis-

und ergebnisorientierte Schulabsolventen, die ihre Chancen in der Arbeitswelt

selbständig ergreifen. Hier stehen die Anforderungen der Unternehmen einerseits

und die humanistisch geprägten Ziele der Schule andererseits oft in einem

gewissen Spannungsfeld. Wir wollen unsere Forderungen nach qualitativen und

inhaltlichen Verbesserungen der Schulausbildung so formulieren, dass sie mit

den zentralen Bildungszielen in Einklang gebracht werden können. Wir glauben,

dass uns das hier gelungen ist."

 

 

 

Kay Senius , Vorsitzender

der Geschäftsführung der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen, sagte:

¿Aufgrund des demographisch bedingten Bewerberrückgangs nähern

sich Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt in

Sachsen-Anhalt zumindest rein rechnerisch rasant an. Doch der

Übergang von der Schule in die Berufsausbildung verläuft für Jugendliche mit

schwächeren Leistungen nach wie vor nicht reibungslos. Aber auch

diese jungen Menschen brauchen Erfolgschancen. Helfen kann hier beispielsweise

eine frühzeitige, ideenreiche Berufsorientierung. Das unterstützen die

Agenturen für Arbeit mit ihren Informations-, Beratungs-, Vermittlungs- und

Förderdienstleistungen. Darüber hinaus ist das Engagement der Eltern und Lehrer

gefragt. Und es muss immer mehr Unternehmern gelingen, Schülerinnen und Schüler

für ihre Ausbildungsangebote zu begeistern. Auch ein leistungsschwächerer, aber

für seinen Berufswunsch motivierter Schüler kann während der Ausbildung im

Betrieb zur Hochform auflaufen.¿

 

 

 

Hintergrund:

 

 

 

2005 gab es in Sachsen-Anhalt 32.173 Schulabgänger,

2009 waren es nur noch 18.461. 10,7 Prozent hatten keinen Schulabschluss (2005

waren es noch 11,9 Prozent). Mehr als halbiert hat sich binnen vier Jahren die

Zahl der Ausbildungsplatzbewerber von 30.276 (2005) auf nur noch 14.538 (2009).

Die demographischen Prognosen zeigen, dass sich dieses Bild nicht so schnell

zum Besseren wandelt.

 

 

 

Das ¿Forum für Wirtschaft und Arbeit¿ wurde 2002 gegründet.

Ihm gehören Repräsentanten der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände

Sachsen-Anhalt, der Industrie- und Handelskammern Magdeburg und Halle-Dessau,

der Handwerkskammern Halle (Saale) und Magdeburg, des Landesverbandes der

Freien Berufe Sachsen-Anhalt, der Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen,

des Landesvorstandsbüros des DGB sowie des Landkreistages und des Städte- und

Gemeindebundes Sachsen-Anhalt an.

 

 

 

Forum für Wirtschaft und Arbeit

 

des Landes Sachsen-Anhalt

 

 

 

Thesen zur Bildungspolitik in

Sachsen-Anhalt

 

 

 

1. Berufliche Bildung anerkennen und duale Ausbildung

stärken!

 

Facharbeiter stellen mit über zwei Drittel die übergroße Mehrheit

der arbeitenden Bevölkerung (sv-pflichtig Beschäftigte nach Arbeitsortprinzip

68 Prozent) in Sachsen-Anhalt. Fast ein Zehntel der sv-pflichtig Beschäftigten

sind akademisch gebildet und ebenfalls rund ein Zehntel hat keinen Abschluss.

Um auch zukünftig Wirtschaftswachstum zu erzielen, sind Facharbeiter in

Größenordnungen erforderlich und müssen ausgebildet werden. Die duale

Berufsausbildung darf im Wettbewerb mit den akademischen Abschlüssen nicht zu

einer ¿Restgröße¿ werden. Es kann nicht darum gehen, die Studierendenquote um

ihrer selbst Willen zu erhöhen. Es geht an den Marktbedürfnissen vorbei, wenn

die Hälfte eines Ausbildungsjahrgangs ein Studium aufnimmt.

 

 

 

2. Vorsorge durch Berufsorientierung!    

Leider brechen immer noch zu viele Auszubildende und Studenten ihre berufliche

Bildung bzw. ihr Studium ab. Es entstehen somit erhöhte Kosten für die

Gesellschaft, aber auch für die Unternehmen. Besonders mit dem Projekt BRAFO

wurde für Sekundarschulen landesweit ein einheitliches Instrument zur Berufsorientierung

geschaffen. Das Forum für Wirtschaft und Arbeit setzt stark auf Verstetigung

und verbindliche Ausgestaltung und Umsetzung dieses Ansatzes. Auch das

Instrument ¿Berufswahlsiegel¿ - ein Wettbewerb, dem sich Schulen stellen können

- muss landesweit eingesetzt werden. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl

weiterer Einzelinitiativen. Im Bereich der Gymnasien ist noch Nachholbedarf

erkennbar. Insbesondere sollte über die naturwissenschaftlichen und technischen

Studienfächer informiert und dafür geworben werden, um den Anteil Studierender in

diesen Studienrichtungen zu erhöhen.

 

 

 

3. Berufsschulen im Kerngeschäft ertüchtigen!        

Aufgabe der

Berufsbildenden Schulen ist es, theoretisches  Wissen im Rahmen der dualen

Ausbildung zu vermitteln. In den Unternehmen werden die praktischen Kenntnisse

vermittelt, Berufserfahrungen gesammelt und bestimmte soziale Kompetenzen, wie

Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein im Arbeitsalltag erworben. Daher

sollten vollzeitschulische Maßnahmen zurückgefahren werden, wenn eine

gleichwertige duale Ausbildung existiert. Absolventen dualer Ausbildung haben

auf Grund ihrer gesammelten Berufserfahrung größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

 

 

 

 

4. Plurale, vielseitige und freie Weiterbildungslandschaft

erhalten!

 

Universitäten und Hochschulen sollen durch Angebote zur

wissenschaftlichen Weiterbildung von Beschäftigten den Know-How-Transfer von

der Wissenschaft in die Wirtschaft unterstützen, aber keine Angebote im Bereich

der beruflichen Aus- und Weiterbildung unterbreiten.

 

 

 

5. Potenziale

frühkindlichen Lernens besser nutzen!

 

Frühkindliche Bildung leistet einen wichtigen Beitrag, um

soziale Ausgrenzung zu verhindern und verbessert die Zukunftschancen von

Kindern. Die vorhandenen und derzeit neu eingeführten Bildungspläne in den

Kindertagesstätten sind konsequent umzusetzen. Die Sprachförderung ist zu

verbessern. Die Angebote der Stiftung ¿Haus der kleinen Forscher¿ sollten

landesweit angenommen werden.

 

 

 

6. Das Niveau der Schulabgänger und -gängerinnen ist zu

verbessern!

 

Derzeit können

bereits schon bei einem Drittel der ausbildenden Unternehmen Ausbildungsplätze

nicht besetzt werden. Hauptgrund ist die mangelnde Ausbildungsreife vieler

Bewerber. Die Jugendlichen, Eltern und Lehrkräfte sind für dieses Thema zu

sensibilisieren. Es ist eine wichtige Aufgabe vor allem der Sekundarschule, die

Ausbildungsreife der Jugendlichen weiter zu entwickeln. Dazu tragen Maßnahmen

wie die Erhöhung der Kernfachstunden, weitere Stunden für die individuelle

Förderung, die Erweiterung des Praxisbezuges durch Betriebspraktika sowie die

neuen Lehrpläne für die Sekundarschule bei. Dazu gehört auch ein qualifiziertes

Angebot an Ganztagsschulen. Besondere Aufmerksamkeit ist auf die Stärkung der

Grundkompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutsch und den MINT-Fächern

zu legen. Auch soziale Fähigkeiten, wie Zuverlässigkeit, Team- und

Konfliktfähigkeit sowie Tugenden wie Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit

müssen verstärkt vermittelt werden.

 

 

 

7. Qualitätswettbewerb im Schulsystem befördern!

 

Mehr Eigenverantwortung der Schulen könnte ein Weg sein,

die Qualität des Unterrichts zu heben. Dazu gehören zum Beispiel Fragen des

Budgets und des Personals. Dafür ist es notwendig, den Schulen

Bildungsstandards vorzugeben und die Einhaltung dieser Standards durch externe

Prüfungen zu gewährleisten. Die Schulleiterinnen und Schulleiter sind so zu

qualifizieren, dass sie in stärkerem Maße Verantwortung für die

Personalgewinnung und ‑entwicklung sowie für die Leistungsbeurteilung

der Lehrkräfte übernehmen. Ziel ist eine stärker leistungsorientierte

Vergütung. Auch müssen die Lehrer stärker Eigenverantwortung für die Qualität ihrer

Bildungsleistungen wahrnehmen und diese in Evaluierungsverfahren und

Veröffentlichungen dokumentieren.

 

 

 

8. Berufliche Spitzenqualifikationen begrifflich adäquat

fassen!

 

Die Gleichwertigkeit von im Beruf erworbenen

Handlungskompetenzen beruflich Gebildeter soll auch durch geeignete,

international verständliche Abschlussbezeichnungen dokumentiert werden. Mit

einer Weiterbildung zum Meister/zur Meisterin, Fachkaufmann/-frau oder

Fachwirt/-in auf der Basis einer dualen Berufsausbildung und mehrjähriger

Berufspraxis erreicht der Absolvent das Bachelor-Niveau. Daher fordert die

Wirtschaft eine geeignete Bezeichnung, um auch im Ausland die erworbenen

Kompetenzen und das vorhandene Niveau dieser Aus- und Weiterbildung sichtbar zu

machen. Es geht nicht darum, eine bestimmte Bezeichnung durchzusetzen, sondern

den Inhalt adäquat abzubilden.

 

 

 

9. Neue Lernkulturen stärken!

 

Neuere Ergebnisse der neurologischen und pädagogischen Forschung

weisen darauf hin, dass angewandte Lehrmethoden oftmals an den spezifischen

Möglichkeiten der Jugendlichen von heute vorbei gehen, insbesondere an denen

von Jungen. So soll zum Beispiel das Lernen effektiver werden, sobald die

Jugendlichen aktiver in den Lernprozess eingebunden sind. Weg von einer so

genannten  ¿Frontalbeschulung¿ hin zu interaktivem Lernen. Hierbei geht es

insbesondere darum, mehrere Sinne gleichzeitig anzusprechen, so z. B. beim

gleichzeitigen Lesen, Reden und Bewegen. Die individuellen, fächerübergreifenden

Lehrpläne für Schüler/‑innen sollen auch die Zusammenarbeit der

Fachlehrer bei der Erfüllung der Lehrpläne sichern. Förderangebote für

spezifische Lernbereiche, schwächere und starke Jugendliche sind gefordert. Der

Praxisbezug des Unterrichts ist durch eine stärkere Nutzung von Schülerpraktika

in Unternehmen qualitativ anzureichern. Elektronische Lernmedien werden in

ihren Möglichkeiten immer vielfältiger und können auch Praxis immer besser

vermitteln. Einsatzmöglichkeiten für diese müssen geprüft und entwickelt

werden. Für Sachsen-Anhalt ist dies insbesondere auf Grund der Ausdünnung

ländlicher Räume durch den demografischen Wandel von besonderer Bedeutung.

 

 

 

Impressum:

 

Ministerium für Wirtschaft und Arbeit

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Mail: pressestelle@mw.sachsen-anhalt.de

 

 

 

 

 

 

 

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