Regierungserklärung von
Ministerpräsident Böhmer anlässlich des 20-jährigen Mauerfall-Jubiläums:
"Zur Freiheit befreit"
12.11.2009, Magdeburg – 616
- Staatskanzlei und Ministerium für Kultur
Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 616/09
Staatskanzlei - Pressemitteilung
Nr.: 616/09
Magdeburg, den 12. November 2009
Regierungserklärung von
Ministerpräsident Böhmer anlässlich des 20-jährigen Mauerfall-Jubiläums:
"Zur Freiheit befreit"
Am 9. November war es genau 20 Jahre
her, dass sich die Welt verändert hat. Alle, die diesen Tag miterlebt haben,
ahnten dies ohne die Folgen auch nur abschätzen zu können. Jetzt ¿ mit 20
Jahren Abstand und mit der Kenntnis der weiteren Entwicklung wissen wir, dass
es ein historisches Ereignis war, das die Welt nachhaltig verändert hat.
Deshalb ist es für uns und mehr noch für zukünftige Generationen wichtig, uns
daran zu erinnern.
Dabei soll es heute bewusst nicht
um die Ergebnisse von 19 Jahren Vereinigungspolitik in Deutschland gehen,
sondern um die Probleme eines selbstbestimmten Lebens in der vor zwanzig Jahren
gewonnenen Freiheit.
Der 9. November 1989 ist zum Synonym geworden für den Triumph der Freiheit über die Diktatur eines
vormundschaftlichen Staates. Er hat uns die Möglichkeit eröffnet, in freier
Selbstbestimmung die Teilung Deutschlands zu überwinden. Dadurch konnte auch
die Teilung Europas überwunden werden. Deshalb wurde an dieses Ereignis nicht
nur in Deutschland feierlich erinnert, sondern in mehreren europäischen Staaten.
In vielen Reden und im Beisein vieler internationaler Gäste wurde die
geschichtsverändernde historische Bedeutung dieses Tages gewürdigt. Das alles
ist bereits gesagt worden. Deshalb will ich heute an jene Probleme erinnern,
die die unverhofft gewonnene Freiheit für uns, die betroffene Generation in
diesem Teil Deutschlands, an Chancen und Risiken bedeuten.
Gemessen an den Folgen war das
erinnerungswürdige Ereignis fast banal. Der diensthabende Oberstleutnant aus
der Passkontrollstelle Bornholmer Straße in Berlin konnte sich der anstürmenden
Menge von Menschen nicht mehr erwehren, die in Radio und Fernsehen gehört
hatten, dass ab sofort freie Reisemöglichkeiten gewährt werden sollen. Übergeordnete
Vorgesetzte waren nicht mehr erreichbar. Gegen 23.30 Uhr gab er mit den Worten: ¿Wir fluten jetzt¿ den Befehl, den Schlagbaum zu öffnen. Die Einzelheiten
dieses Abends sind ausführlich dokumentiert und mehrfach veröffentlicht.
Damit ist eine Grenze geöffnet
worden, deren Sicherungsanlagen mehr als 1,8 Mrd. Mark der DDR gekostet hatten
und deren Sicherung mehr als 28 Jahre lang täglich 1,47 Mio. Mark der DDR
gekostet hat. Sie wurde uns als ¿antifaschistischer Schutzwall¿ erläutert und
war doch nichts anderes als eine Mauer der Mächtigen gegen das Weglaufen der in
einer Diktatur Ohnmächtigen. Die Öffnung dieser Mauer, die nicht nur
Deutschland, die Europa geteilt hat, war das Ergebnis einer europäischen Freiheitsbewegung.
Die Volksaufstände in den 50-er
Jahren in der DDR, in Ungarn und in Polen konnten noch mit militärischer Gewalt
unterdrückt werden. Auch der Versuch, in den 60-er Jahren in der
Tschechoslowakei einen demokratischen Sozialismus zu etablieren, wurde mit
sowjetischen Panzern beendet. Die Freiheitsbewegung der Charta 77 in Tschechien
und die freie Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc im Sommer 1980 in Polen wurden
mit politischen Mitteln jahrelang unterdrückt, konnten aber nicht mehr
liquidiert werden. Als dann ab Anfang 1986 der Prozess der Umgestaltung
Perestroika in der Sowjetunion zu mehr Offenheit Glasnost führte, gewann die
Freiheitsbewegung eine eigene Dynamik. In Polen musste die Regierung sich zu
Gesprächen mit der Gewerkschaft am Runden Tisch bereit erklären und die Ungarn
durchtrennten vor laufenden Kameras im Sommer 1989 den Stacheldraht der Grenzanlagen,
die Europa trennten. Tausende DDR-Bürger verließen ab Sommer 1989 ihre Heimat
und die, die blieben, forderten mehr eigene Entscheidungsfreiheit nach dem
Motto: Wenn wir gehen dürften, würden wir bleiben wollen. Unter dem Eindruck
steigender Flüchtlingszahlen und zunehmender Massenproteste versuchten die
Regierenden sich neu aufzustellen und versprachen eine Wende in ihrer Politik.
Für die Absichtserklärung, ein freieres Reisegesetz zu machen, sollte die
Bundesregierung schon vorher einen Kredit von 12 ¿ 13 Mrd. D-Mark zusagen. Die
öffentliche Mitteilung über dieses Gesetz führte dann dazu, dass es eines
solchen Gesetzes nicht mehr bedurfte. Der in 28 Jahren aufgestaute Druck
zerbrach die Mauer, die Deutschland und Europa trennte, in einer einzigen Nacht
und auf friedliche Weise. Soviel Freude wie in dieser Nacht war niemals vorher
und wird es auch kaum wieder geben. Europa hatte sich in dieser Nacht verändert
¿ wir wussten nur noch nicht wie.
Bei dem millionenfachen Ruf nach
Freiheit ging es nicht nur um Reisefreiheit. Es ging um freie Wahlen, um
Meinungs- und Pressefreiheit, um Gedanken- und um Redefreiheit. Wir wussten,
dass der uns erläuterte Freiheitsbegriff nur die Erklärung für deren
Unterdrückung war. Freiheit wurde uns erklärt als ¿die Einsicht in die
Notwendigkeiten, die sich aus den objektiven Gesetzmäßigkeiten der historischen
Entwicklung der Gesellschaft ergeben.¿ Über diese Notwendigkeiten entschied das
Politbüro. Kaum jemand glaubte das. Wenn auf einer Bühne ¿Nabucco¿ oder ¿Don
Carlos¿ aufgeführt wurde, gab es an bestimmten Stellen Zwischenapplaus, über
den zu berichten sich keine Zeitung wagte. Einen freien, unvoreingenommenen
Gedankenaustausch gab es letztlich nur noch in Einrichtungen der Kirche, in
privaten Zirkeln und in Büchern, die außerhalb der DDR gedruckt wurden.
Den Ruf nach Freiheit teilten
alle. Wir glaubten, Freiheit aus der Literatur und dem Fernsehen zu kennen. Wir
hatten keine Erfahrungen mit Freiheit und keine Gelegenheit, ein Leben in
Freiheit zu erlernen. Von einer Kultur der Freiheit wussten wir nur wenig.
Irgendwie fühlten wir uns alle für ein Leben in Freiheit gerüstet. Jetzt wissen
wir, dass dies ein Irrtum war, der auch zu Enttäuschungen führen musste.
Freie Diskussionen über
gesellschaftspolitische Probleme gab es nur unter dem schützenden Dach der
Kirchen. Das ist zu Recht häufig gewürdigt worden. Aus diesen Kreisen kamen
auch die ersten Teilnehmer, die am Runden Tisch oder in später gewählten
Vertretungen Verantwortung übernommen haben. Aber es gab so gut wie keine
freien Berufe mehr und kaum noch wirtschaftlich selbständige Betriebe. Es gab
keine Kultur mehr eines freien Unternehmertums. Als es wieder möglich wurde,
haben sich einige ein Herz gefasst, sich selbständig gemacht und als
MBO-Privatisierung Betriebe übernommen. Dabei gab und gibt es bewundernswerte
Erfolge, aber auch Fehlschläge, von denen niemand mehr spricht. Wir wissen
auch, dass die Nachfrage nach dem Schutz des Beamtenrechts viel größer war als
das Bedürfnis nach wirtschaftlicher Selbständigkeit.
Wir forderten Pressefreiheit. Als
wir sie mit einer ungeahnten Meinungsvielfalt hatten, waren nicht wenige unter
uns verunsichert. Wer früher nur skeptisch war, wusste nun, dass er gar nichts
mehr glauben konnte. Aus dieser oft widersprüchlichen Vielfalt sich eine eigene
Meinung zu bilden, war für viele unter uns schwieriger geworden.
Um die Reisefreiheit erleben zu
können, bedurfte es einer frei konvertierbaren Währung. Die aber setzte einen
freien Warenaustausch und freie, wettbewerbstüchtige Wirtschaftsstrukturen
voraus. Darauf waren wir in keiner Weise vorbereitet. Wir haben erlebt, welchen
mühsamen Transformationsprozess der Wirtschaft wir durchleben mussten.
Die Runden Tische haben viele als
Höhepunkte der Demokratie erlebt. Es gab einen Grundkonsens gegen die
Regierung. Als es darum ging, neue Strukturen aufzubauen, mussten die
unterschiedlichen Meinungen und Zielvorstellungen in politischen Parteien
gebündelt werden. Damit begann die Mühsal der Demokratie. Bei den ersten freien
Wahlen lag die Beteiligung weit über 90 %. Dass die errungene Freiheit, bei
Wahlen auswählen zu können, während der letzten Jahre nur noch so gering
genutzt wird, ist für mich ein Zeichen großer Enttäuschung bei den Wählern. Es
muss sicher eine Aufgabe aller Parteien sein, dafür zu werben, dass dieses
Recht in einer freien Gesellschaft auch genutzt wird.
Gegenwärtig ist unsere Demokratie
weniger bedroht von extremistischen Wirrköpfen als von der Lethargie und
Passivität enttäuschter Demokraten. Es ist unsere Aufgabe, beides ernst zu
nehmen.
Viele haben früher das
vormundschaftliche Selbstverständnis einer alles reglementierenden Regierung
verurteilt. Nicht wenige haben sich danach verlassen gefühlt, als sie sich
selbst um jene Dinge kümmern mussten, die früher der ungeliebte Staat entschieden
hatte.
Viele haben z. B. die
Absolventenlenkungsverordnung als Bevormundung empfunden. Ich habe von keinem
Jugendlichen gehört, dass er sie wieder haben möchte. Aber Großeltern
beschweren sich gelegentlich noch heute darüber, dass wir als Staat die jungen
Menschen so im Stich lassen würden. Ein Leben in Freiheit muss auch erlernt
werden. Darüber nachzudenken, haben wir uns bisher kaum Zeit genommen.
Wir wussten natürlich, dass es
keine Freiheit völlig ohne Bindungen und Begrenzungen geben kann. Freiheit kann
niemals bedeuten, dass jeder tun kann was er will, sondern bestenfalls, dass er
nicht tun muss, was er nicht will.
Aber Freiheit bedeutet, immer
selbst entscheiden zu können und zu müssen, was andere nicht mehr für mich
entscheiden.
1941 veröffentlichte der
Sozialpsychologe Erich Fromm ein Buch unter dem Titel: ¿Die Furcht vor der
Freiheit¿. Nach seiner Analyse führt die Freiheit notwendigerweise zu einem
Individualisierungsprozess mit der Auflockerung ursprünglicher Bindungen. Der
Mensch wird unabhängiger und damit mehr auf sich selbst gestellt. Damit wächst
auch die Angst, die eigenen Probleme nicht lösen zu können. Nicht jeder Mensch
ist in gleicher Weise in der Lage, damit umgehen zu können. Wenn äußere Umstände
daran hindern, die gewonnene Freiheit zu nutzen, sind Einsamkeit und
Enttäuschung die logische Folge. Manche empfinden das als soziale Kälte.
So berechtigt die Freude über die
errungene Freiheit auch immer bleiben wird, so sehr müssen wir uns auch an den
verantwortlichen Umgang mit ihr erinnern. Wir müssen uns auch deutlich machen,
dass damit Risiken und unerwartete Ängste verbunden waren und sind. Nicht alle
waren in gleicher Weise darauf vorbereitet, nicht alle waren den Risiken gewachsen
und nicht alle konnten aus von ihnen nicht verschuldeten Gründen die neuen
Chancen nutzen.
Wir haben in den letzten zwanzig
Jahren sehr viel getan, um Menschen zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben in
Freiheit zu führen. Die Ansiedlung von Arbeitsplätzen und die Hilfe bei
Arbeitslosigkeit waren in jeder der vergangenen Legislaturperioden die
wichtigsten Aufgaben. Aber wir wissen auch, dass wir nicht alle erreicht haben
und dass wir nicht allen helfen konnten. Gegenwärtig erleben wir bei
Jugendlichen eine andere Form der Furcht vor der Freiheit. Aus vermutlich
unbewusster Angst vor einem selbstbestimmten Leben suchen sie die Kameradschaft
in streng hierarchisch organisierten Gruppen. Sie verzichten freiwillig auf die
Freiräume eigener Individualität und suchen den Schutz fremdbestimmter Gemeinschaften.
Für uns bedeutet das die Verpflichtung, uns nicht nur unserer errungenen
Freiheit zu erfreuen, sondern auch, diese Freude zukünftigen Generationen
weiter zu vermitteln, um auch den Risiken der Freiheit gewachsen zu sein, was
bedeutet, mit ihr verantwortungsvoll umgehen zu können.
Je mehr sich Menschen von einem
Leben in Freiheit überfordert fühlen, umso mehr werden sie jenen vertrauen, die
nicht mehr Freiheit, sondern mehr Betreuung versprechen. Grundlegende
Ost-West-Unterschiede bei verschiedenen Befragungsergebnissen sind nur so zu
erklären.
In unvorstellbar kurzer Zeit haben
wir unsere selbst errungene Freiheit genutzt, um die beiden Teile unseres
Landes in freier Selbstbestimmung wieder zu vereinigen. Wie groß die Vorbehalte
einzelner unserer Nachbarländer gegen ein wiedervereinigtes Deutschland damals
waren, haben wir erst in den letzten Jahren erfahren. Jetzt erst recht haben
wir viele gute Gründe, denen dankbar zu sein, die dies damals in politischer Verantwortung
erreicht und möglich gemacht haben. Auch wir verdanken ihnen, dass wir heute
und hier für unser Land Verantwortung tragen dürfen.
Die erste Aufgabe war die
Anpassung aller Rechtsstrukturen an das Grundgesetz, dessen Freiheitsschutz wir
gesucht hatten. Welche Konsequenzen das haben musste, das konnten wir damals
nur erahnen. Im Rückblick nach zwanzig Jahren werden wir zugeben müssen, dass
wir mehr hätten wissen können, ohne dass die Schwierigkeiten vermeidbar gewesen
wären. Anfang des Jahres 1990 erschien als Lizenzausgabe für die damals noch
bestehende DDR ein Buch von Klaus von Dohnanyi mit dem Titel: ¿Brief an die
Deutschen Demokratischen Revolutionäre¿. Darin wird deutlich erklärt, dass es
keine halbe Freiheit geben kann. Auch wir würden nicht ¿beides gleichzeitig
haben können, die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft und die Sicherheit
und den ruhigen Pulsschlag eines Verteilungsstaates.¿ Wer Freiheit will, muss
auch offen sein für Wettbewerb. In einem Wettbewerb gibt es nicht immer nur
Gewinner. Es wird auch Verlierer geben. Er schreibt weiter: ¿Die Freiheit hat
eben auch ihren Preis, und er wird manchmal schmerzen.¿
Auch wenn wir alles vorhergesehen
hätten, wir hätten das meiste nicht anders machen können. Es gibt keine
prinzipielle Alternative zur offenen Gesellschaft ¿ außer der geschlossenen.
Die kannten wir ¿ und die wollten wir nicht mehr. Wir wollten in Freiheit leben
und wir waren bereit, uns den Konsequenzen eines Lebens in Freiheit zu stellen.
Nur waren wir nicht ausreichend darauf vorbereitet.
Was es bedeutet, eine auf
Volkseigentum basierende, durch nicht konvertierbare Währung und eine kaum
passierbare Mauer abgeschottete Wirtschaftsregion in eine weltoffene, freie
Wettbewerbswirtschaft mit einem auch ohne uns gesättigten Markt zu überführen,
das haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt. Die einzige Lehre
daraus muss heißen: nie wieder abschotten und einmauern, sondern weltoffen bleiben
und dieses Leben mit gestalten. Wir müssen nicht nur lernen, mit den damit verbundenen
Risiken zu leben, wir müssen auch nach Wegen suchen, diese zu beherrschen. Das
gilt für das individuelle Zusammenleben ebenso wie für die internationale
Zusammenarbeit der Staaten in einer globalisierten Welt. ¿Die Freiheit hat
nicht nur schöne Kinder¿ hat uns Klaus v. Dohnanyi vor fast zwanzig Jahren
aufgeschrieben, ¿aber in der Unfreiheit ist alles hässlich.¿ Der Ihnen allen
bekannte Joachim Gauck hat in diesem Jahr seine ¿Erinnerungen¿ veröffentlicht.
Darin formuliert er, was wir inzwischen alle empfunden haben: ¿Die Freiheit als
Sehnsucht hatte eine verlockende Kraft, sie war ungeschmälert schön. Die
Freiheit als Wirklichkeit ist nicht nur Glück, sondern auch Beschwernis.¿
Das bedeutet für uns, die Freiheit
mit ihren Chancen und Risiken anzunehmen und sie zu gestalten. Die
Schwierigkeiten dabei kennen wir alle. Nicht immer fällt es uns leicht, jenes
Maß an Freiheit, das wir für uns beanspruchen, auch anderen zu gewähren. Die
Kompetenzverteilung föderaler Staatsstrukturen und die Ausgestaltung des
Subsidiaritätsprinzips unseren Kommunen und freien Trägern gegenüber sind der
Raum, in dem wir Freiheit gestalten und gewähren können. Das Bestreben der
Landtage nach mehr eigener Entscheidungskompetenz während der letzten
Föderalismuskommission ist Ihnen bekannt. Die Sorge vor zu viel eigener Entscheidungskompetenz
der Kreistage bei der Mittelverwendung kennen Sie ebenfalls.
Als der Dramatiker Peter Hacks
1962 in Berlin sein Stück ¿Die Sorgen und die Macht¿ inszenierte, wurde er
heftig kritisiert. Mit künstlerischen Mitteln wollte er deutlich machen, dass
man in Regierungsverantwortung auch nicht aus fürsorglichen Gründen seinen
Bürgern die individuellen Freiheiten zu sehr beschneiden dürfe. Auch das war
damals nicht neu. ¿Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft hemmt
sein Reifen¿ ¿ mit diesem Satz beginnt die von Freiherrn v. Stein im November
1808 verfasste preußische Städteordnung. Er ist mit Sicherheit auch heute noch
richtig. Damit soll deutlich werden, wie in Verantwortung gelebte Freiheit
gerade für diejenigen ein immer neuer Balanceakt ist, die die Macht haben,
Freiheit zu gewähren oder zu begrenzen.
Wer, wie wir alle hier, die
Aufgabe hat, Ordnungen zu setzen, setzt der Freiheit anderer Grenzen und gibt
ihr einen Rahmen.
Das bedeutet eine besondere
Verantwortung für die Freiheit derer, die uns gewählt haben. Schon 1959 hat der
Philosoph Ernst Bloch in seinem ¿Abriss der Sozialutopien¿ das schwierige
Abwägen von Freiheit und Ordnung setzen beschrieben. Erst gegen Ende der DDR
durfte dies gedruckt werden. Auch wenn wir nicht immer darüber sprechen, ist
dies eine immer wieder neu auszubalancierende Aufgabe.
Wer die Unfreiheit selbst erlebt
hat, wird die Freiheit für immer zu schätzen wissen. Für viele wird deshalb der
9. November 1989 für immer ein Tag der Freude bleiben. Wer keine Chancen sah,
die Freiheit leben zu können, wird das anders sehen. Wer sein eigenes
Lebensschicksal nicht in den Jubelbildern wiederfindet, wird sich auch nicht
freuen können. Die demokratischen Freiheiten werden in der Realität von
Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen oft nicht als Vorteil empfunden. Schon
in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mahnte der Philosoph Adorno:
¿Wer Freiheit will, muss vom Problem der Freiheit Rechenschaft geben.¿ Für uns,
die wir ein Leben in Freiheit wollen, muss es also Aufgabe sein, uns selbst
darüber Rechenschaft zu geben wie sehr es uns gelungen ist, zu gestalten, damit
die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes ihr Leben in Freiheit leben können.
Juristisch mag das kein Problem sein. Um sein Leben in Freiheit gestalten zu
können, ist mehr nötig, nämlich auch Teilhabe. Jeder von uns weiß, dass wir
dieses Ziel noch nicht für alle erreicht haben.
Um uns über die Situation in
unserem Land einen Überblick zu verschaffen, haben wir auch in diesem Jahr
wieder einen Sachsen-Anhalt-Monitor in Auftrag gegeben. Die veröffentlichten
Ergebnisse sind bekannt. Auf die Frage, was wäre Ihnen wichtiger, Freiheit oder
Gleichheit, haben sich 2009 bei uns 54 % für die Freiheit und 40 % für die
Gleichheit entschieden. Die Werte von 2007 waren ähnlich. Diese Frage gehört
trotz methodischer Vorbehalte zu jenen, die in den unterschiedlichen Regionen
noch sehr unterschiedlich beantwortet werden. Die persönliche Einstellung zum
gefühlten Wert der Freiheit ist nicht nur eine Frage der Lebensverhältnisse,
sondern auch Ausdruck der Würde und der Selbstachtung jedes einzelnen Menschen.
Freiheit gegen soziale Gleichheit abzuwägen, ist nicht unproblematisch. Wer die
Freiheit aufgibt, um soziale Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides
verlieren.
Wer das nicht selbst erlebt hat,
wird daran immer wieder zweifeln, denn wer die Freiheit mehr schätzt, muss auch
bereit sein, mehr Risiken in Kauf zu nehmen.
Die Aufgabe, wieder ein auf
Selbständigkeit stolzes Unternehmertum aufzubauen, ist noch lange nicht
abgeschlossen. Sie muss schon in der Schule beginnen und braucht eine eigene
Kultur der Freiheit. Da nur so Arbeitsplätze für andere entstehen, ist die
Entwicklung unternehmerischen Denkens auch eine wichtige Voraussetzung stabiler
Sozialstrukturen.
Deshalb muss auch die Erinnerung
an den 9. November 1989 mehr sein als ein Erinnern an einen Tag selbst erlebter
Freude. Wenn er für zukünftige Generationen mehr sein soll als ein Tag aus dem
Geschichtsbuch, müssen wir ihnen den Wert der Freiheit weiter sagen und eine
Kultur gelebter Freiheit weitergeben. Dazu gehört, dass jede Generation aufs
Neue zur Freiheit befähigt und zum verantwortlichen Umgang damit geprägt wird,
denn ¿ auch das wissen wir alle ¿ der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt
von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.
Für uns, die wir uns zusammen mit
unseren östlichen Nachbarn aus vormundschaftlichen Sozialstrukturen zur
Freiheit selbst befreit haben, bedeutet das viel. Wir müssen deutlich machen,
dass Freiheit nicht nur ein Privileg ist, das Chancen bedeutet, sondern
Verpflichtung und Aufgabe. Nur eine Gesellschaft mit einem breiten Wertekonsens
kann sich Freiheit leisten. Je mehr wir uns gegenseitig misstrauen, umso mehr
müssen wir das Zusammenleben durch Ordnungen regeln. Je mehr wir unserer eigenen
Leistungsfähigkeit vertrauen, desto weniger wollen wir von den Leistungen anderer
durch Umverteilung partizipieren. Die Normvorstellungen von individueller Autonomie
einerseits und Sozialpflichtigkeit andererseits sind in den einzelnen Kulturen
unterschiedlich. Auch wir müssen immer wieder aufs Neue diese Verhältnisse für
unsere Kultur der Freiheit ausbalancieren. Ebenso wie die Demokratie ist die
errungene Freiheit kein unveränderlicher Zustand, sondern wohl eher eine permanente
Aufgabe. Beides sind keine Naturgeschenke, sondern Chancen, die wir immer
wieder erobern müssen. Auch das gehört zum Erinnern.
In der ältesten demokratischen
Staatsform im alten Griechenland galt der Satz: ¿Das Geheimnis des Glücks ist
die Freiheit.¿ Wir wollen uns über dieses Glück nicht nur freuen, wir wollen es
erhalten und zukünftigen Generationen weitergeben.
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