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Regierungserklärung von
Ministerpräsident Böhmer anlässlich des 20-jährigen Mauerfall-Jubiläums:
"Zur Freiheit befreit"

12.11.2009, Magdeburg – 616

  • Staatskanzlei und Ministerium für Kultur

 

 

 

 

 

Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 616/09

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Staatskanzlei - Pressemitteilung

Nr.: 616/09

 

 

 

Magdeburg, den 12. November 2009

 

 

 

Regierungserklärung von

Ministerpräsident Böhmer anlässlich des 20-jährigen Mauerfall-Jubiläums:

"Zur Freiheit befreit"

 

Am 9. November war es genau 20 Jahre

her, dass sich die Welt verändert hat. Alle, die diesen Tag miterlebt haben,

ahnten dies ohne die Folgen auch nur abschätzen zu können. Jetzt ¿ mit 20

Jahren Abstand und mit der Kenntnis der weiteren Entwicklung wissen wir, dass

es ein historisches Ereignis war, das die Welt nachhaltig verändert hat.

Deshalb ist es für uns und mehr noch für zukünftige Generationen wichtig, uns

daran zu erinnern.

 

Dabei soll es heute bewusst nicht

um die Ergebnisse von 19 Jahren Vereinigungspolitik in Deutschland gehen,

sondern um die Probleme eines selbstbestimmten Lebens in der vor zwanzig Jahren

gewonnenen Freiheit.

 

Der 9. November 1989 ist zum Synonym geworden für den Triumph der Freiheit über die Diktatur eines

vormundschaftlichen Staates. Er hat uns die Möglichkeit eröffnet, in freier

Selbstbestimmung die Teilung Deutschlands zu überwinden. Dadurch konnte auch

die Teilung Europas überwunden werden. Deshalb wurde an dieses Ereignis nicht

nur in Deutschland feierlich erinnert, sondern in mehreren europäischen Staaten.

In vielen Reden und im Beisein vieler internationaler Gäste wurde die

geschichtsverändernde historische Bedeutung dieses Tages gewürdigt. Das alles

ist bereits gesagt worden. Deshalb will ich heute an jene Probleme erinnern,

die die unverhofft gewonnene Freiheit für uns, die betroffene Generation in

diesem Teil Deutschlands, an Chancen und Risiken bedeuten.

 

Gemessen an den Folgen war das

erinnerungswürdige Ereignis fast banal. Der diensthabende Oberstleutnant aus

der Passkontrollstelle Bornholmer Straße in Berlin konnte sich der anstürmenden

Menge von Menschen nicht mehr erwehren, die in Radio und Fernsehen gehört

hatten, dass ab sofort freie Reisemöglichkeiten gewährt werden sollen. Übergeordnete

Vorgesetzte waren nicht mehr erreichbar. Gegen 23.30 Uhr gab er mit den Worten: ¿Wir fluten jetzt¿ den Befehl, den Schlagbaum zu öffnen. Die Einzelheiten

dieses Abends sind ausführlich dokumentiert und mehrfach veröffentlicht.

 

Damit ist eine Grenze geöffnet

worden, deren Sicherungsanlagen mehr als 1,8 Mrd. Mark der DDR gekostet hatten

und deren Sicherung mehr als 28 Jahre lang täglich 1,47 Mio. Mark der DDR

gekostet hat. Sie wurde uns als ¿antifaschistischer Schutzwall¿ erläutert und

war doch nichts anderes als eine Mauer der Mächtigen gegen das Weglaufen der in

einer Diktatur Ohnmächtigen. Die Öffnung dieser Mauer, die nicht nur

Deutschland, die Europa geteilt hat, war das Ergebnis einer europäischen Freiheitsbewegung.

 

Die Volksaufstände in den 50-er

Jahren in der DDR, in Ungarn und in Polen konnten noch mit militärischer Gewalt

unterdrückt werden. Auch der Versuch, in den 60-er Jahren in der

Tschechoslowakei einen demokratischen Sozialismus zu etablieren, wurde mit

sowjetischen Panzern beendet. Die Freiheitsbewegung der Charta 77 in Tschechien

und die freie Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc im Sommer 1980 in Polen wurden

mit politischen Mitteln jahrelang unterdrückt, konnten aber nicht mehr

liquidiert werden. Als dann ab Anfang 1986 der Prozess der Umgestaltung

Perestroika in der Sowjetunion zu mehr Offenheit Glasnost führte, gewann die

Freiheitsbewegung eine eigene Dynamik. In Polen musste die Regierung sich zu

Gesprächen mit der Gewerkschaft am Runden Tisch bereit erklären und die Ungarn

durchtrennten vor laufenden Kameras im Sommer 1989 den Stacheldraht der Grenzanlagen,

die Europa trennten. Tausende DDR-Bürger verließen ab Sommer 1989 ihre Heimat

und die, die blieben, forderten mehr eigene Entscheidungsfreiheit nach dem

Motto: Wenn wir gehen dürften, würden wir bleiben wollen. Unter dem Eindruck

steigender Flüchtlingszahlen und zunehmender Massenproteste versuchten die

Regierenden sich neu aufzustellen und versprachen eine Wende in ihrer Politik.

Für die Absichtserklärung, ein freieres Reisegesetz zu machen, sollte die

Bundesregierung schon vorher einen Kredit von 12 ¿ 13 Mrd. D-Mark zusagen. Die

öffentliche Mitteilung über dieses Gesetz führte dann dazu, dass es eines

solchen Gesetzes nicht mehr bedurfte. Der in 28 Jahren aufgestaute Druck

zerbrach die Mauer, die Deutschland und Europa trennte, in einer einzigen Nacht

und auf friedliche Weise. Soviel Freude wie in dieser Nacht war niemals vorher

und wird es auch kaum wieder geben. Europa hatte sich in dieser Nacht verändert

¿ wir wussten nur noch nicht wie.

 

Bei dem millionenfachen Ruf nach

Freiheit ging es nicht nur um Reisefreiheit. Es ging um freie Wahlen, um

Meinungs- und Pressefreiheit, um Gedanken- und um Redefreiheit. Wir wussten,

dass der uns erläuterte Freiheitsbegriff nur die Erklärung für deren

Unterdrückung war. Freiheit wurde uns erklärt als ¿die Einsicht in die

Notwendigkeiten, die sich aus den objektiven Gesetzmäßigkeiten der historischen

Entwicklung der Gesellschaft ergeben.¿ Über diese Notwendigkeiten entschied das

Politbüro. Kaum jemand glaubte das. Wenn auf einer Bühne ¿Nabucco¿ oder ¿Don

Carlos¿ aufgeführt wurde, gab es an bestimmten Stellen Zwischenapplaus, über

den zu berichten sich keine Zeitung wagte. Einen freien, unvoreingenommenen

Gedankenaustausch gab es letztlich nur noch in Einrichtungen der Kirche, in

privaten Zirkeln und in Büchern, die außerhalb der DDR gedruckt wurden.

 

Den Ruf nach Freiheit teilten

alle. Wir glaubten, Freiheit aus der Literatur und dem Fernsehen zu kennen. Wir

hatten keine Erfahrungen mit Freiheit und keine Gelegenheit, ein Leben in

Freiheit zu erlernen. Von einer Kultur der Freiheit wussten wir nur wenig.

Irgendwie fühlten wir uns alle für ein Leben in Freiheit gerüstet. Jetzt wissen

wir, dass dies ein Irrtum war, der auch zu Enttäuschungen führen musste.

 

Freie Diskussionen über

gesellschaftspolitische Probleme gab es nur unter dem schützenden Dach der

Kirchen. Das ist zu Recht häufig gewürdigt worden. Aus diesen Kreisen kamen

auch die ersten Teilnehmer, die am Runden Tisch oder in später gewählten

Vertretungen Verantwortung übernommen haben. Aber es gab so gut wie keine

freien Berufe mehr und kaum noch wirtschaftlich selbständige Betriebe. Es gab

keine Kultur mehr eines freien Unternehmertums. Als es wieder möglich wurde,

haben sich einige ein Herz gefasst, sich selbständig gemacht und als

MBO-Privatisierung Betriebe übernommen. Dabei gab und gibt es bewundernswerte

Erfolge, aber auch Fehlschläge, von denen niemand mehr spricht. Wir wissen

auch, dass die Nachfrage nach dem Schutz des Beamtenrechts viel größer war als

das Bedürfnis nach wirtschaftlicher Selbständigkeit.

 

Wir forderten Pressefreiheit. Als

wir sie mit einer ungeahnten Meinungsvielfalt hatten, waren nicht wenige unter

uns verunsichert. Wer früher nur skeptisch war, wusste nun, dass er gar nichts

mehr glauben konnte. Aus dieser oft widersprüchlichen Vielfalt sich eine eigene

Meinung zu bilden, war für viele unter uns schwieriger geworden.

 

Um die Reisefreiheit erleben zu

können, bedurfte es einer frei konvertierbaren Währung. Die aber setzte einen

freien Warenaustausch und freie, wettbewerbstüchtige Wirtschaftsstrukturen

voraus. Darauf waren wir in keiner Weise vorbereitet. Wir haben erlebt, welchen

mühsamen Transformationsprozess der Wirtschaft wir durchleben mussten.

 

Die Runden Tische haben viele als

Höhepunkte der Demokratie erlebt. Es gab einen Grundkonsens gegen die

Regierung. Als es darum ging, neue Strukturen aufzubauen, mussten die

unterschiedlichen Meinungen und Zielvorstellungen in politischen Parteien

gebündelt werden. Damit begann die Mühsal der Demokratie. Bei den ersten freien

Wahlen lag die Beteiligung weit über 90 %. Dass die errungene Freiheit, bei

Wahlen auswählen zu können, während der letzten Jahre nur noch so gering

genutzt wird, ist für mich ein Zeichen großer Enttäuschung bei den Wählern. Es

muss sicher eine Aufgabe aller Parteien sein, dafür zu werben, dass dieses

Recht in einer freien Gesellschaft auch genutzt wird.

 

Gegenwärtig ist unsere Demokratie

weniger bedroht von extremistischen Wirrköpfen als von der Lethargie und

Passivität enttäuschter Demokraten. Es ist unsere Aufgabe, beides ernst zu

nehmen.

 

Viele haben früher das

vormundschaftliche Selbstverständnis einer alles reglementierenden Regierung

verurteilt. Nicht wenige haben sich danach verlassen gefühlt, als sie sich

selbst um jene Dinge kümmern mussten, die früher der ungeliebte Staat entschieden

hatte.

 

Viele haben z. B. die

Absolventenlenkungsverordnung als Bevormundung empfunden. Ich habe von keinem

Jugendlichen gehört, dass er sie wieder haben möchte. Aber Großeltern

beschweren sich gelegentlich noch heute darüber, dass wir als Staat die jungen

Menschen so im Stich lassen würden. Ein Leben in Freiheit muss auch erlernt

werden. Darüber nachzudenken, haben wir uns bisher kaum Zeit genommen.

 

Wir wussten natürlich, dass es

keine Freiheit völlig ohne Bindungen und Begrenzungen geben kann. Freiheit kann

niemals bedeuten, dass jeder tun kann was er will, sondern bestenfalls, dass er

nicht tun muss, was er nicht will.

 

Aber Freiheit bedeutet, immer

selbst entscheiden zu können und zu müssen, was andere nicht mehr für mich

entscheiden.

 

1941 veröffentlichte der

Sozialpsychologe Erich Fromm ein Buch unter dem Titel: ¿Die Furcht vor der

Freiheit¿. Nach seiner Analyse führt die Freiheit notwendigerweise zu einem

Individualisierungsprozess mit der Auflockerung ursprünglicher Bindungen. Der

Mensch wird unabhängiger und damit mehr auf sich selbst gestellt. Damit wächst

auch die Angst, die eigenen Probleme nicht lösen zu können. Nicht jeder Mensch

ist in gleicher Weise in der Lage, damit umgehen zu können. Wenn äußere Umstände

daran hindern, die gewonnene Freiheit zu nutzen, sind Einsamkeit und

Enttäuschung die logische Folge. Manche empfinden das als soziale Kälte.

 

So berechtigt die Freude über die

errungene Freiheit auch immer bleiben wird, so sehr müssen wir uns auch an den

verantwortlichen Umgang mit ihr erinnern. Wir müssen uns auch deutlich machen,

dass damit Risiken und unerwartete Ängste verbunden waren und sind. Nicht alle

waren in gleicher Weise darauf vorbereitet, nicht alle waren den Risiken gewachsen

und nicht alle konnten aus von ihnen nicht verschuldeten Gründen die neuen

Chancen nutzen.

 

Wir haben in den letzten zwanzig

Jahren sehr viel getan, um Menschen zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben in

Freiheit zu führen. Die Ansiedlung von Arbeitsplätzen und die Hilfe bei

Arbeitslosigkeit waren in jeder der vergangenen Legislaturperioden die

wichtigsten Aufgaben. Aber wir wissen auch, dass wir nicht alle erreicht haben

und dass wir nicht allen helfen konnten. Gegenwärtig erleben wir bei

Jugendlichen eine andere Form der Furcht vor der Freiheit. Aus vermutlich

unbewusster Angst vor einem selbstbestimmten Leben suchen sie die Kameradschaft

in streng hierarchisch organisierten Gruppen. Sie verzichten freiwillig auf die

Freiräume eigener Individualität und suchen den Schutz fremdbestimmter Gemeinschaften.

Für uns bedeutet das die Verpflichtung, uns nicht nur unserer errungenen

Freiheit zu erfreuen, sondern auch, diese Freude zukünftigen Generationen

weiter zu vermitteln, um auch den Risiken der Freiheit gewachsen zu sein, was

bedeutet, mit ihr verantwortungsvoll umgehen zu können.

 

Je mehr sich Menschen von einem

Leben in Freiheit überfordert fühlen, umso mehr werden sie jenen vertrauen, die

nicht mehr Freiheit, sondern mehr Betreuung versprechen. Grundlegende

Ost-West-Unterschiede bei verschiedenen Befragungsergebnissen sind nur so zu

erklären.

 

In unvorstellbar kurzer Zeit haben

wir unsere selbst errungene Freiheit genutzt, um die beiden Teile unseres

Landes in freier Selbstbestimmung wieder zu vereinigen. Wie groß die Vorbehalte

einzelner unserer Nachbarländer gegen ein wiedervereinigtes Deutschland damals

waren, haben wir erst in den letzten Jahren erfahren. Jetzt erst recht haben

wir viele gute Gründe, denen dankbar zu sein, die dies damals in politischer Verantwortung

erreicht und möglich gemacht haben. Auch wir verdanken ihnen, dass wir heute

und hier für unser Land Verantwortung tragen dürfen.

 

Die erste Aufgabe war die

Anpassung aller Rechtsstrukturen an das Grundgesetz, dessen Freiheitsschutz wir

gesucht hatten. Welche Konsequenzen das haben musste, das konnten wir damals

nur erahnen. Im Rückblick nach zwanzig Jahren werden wir zugeben müssen, dass

wir mehr hätten wissen können, ohne dass die Schwierigkeiten vermeidbar gewesen

wären. Anfang des Jahres 1990 erschien als Lizenzausgabe für die damals noch

bestehende DDR ein Buch von Klaus von Dohnanyi mit dem Titel: ¿Brief an die

Deutschen Demokratischen Revolutionäre¿. Darin wird deutlich erklärt, dass es

keine halbe Freiheit geben kann. Auch wir würden nicht  ¿beides gleichzeitig

haben können, die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft und die Sicherheit

und den ruhigen Pulsschlag eines Verteilungsstaates.¿ Wer Freiheit will, muss

auch offen sein für Wettbewerb. In einem Wettbewerb gibt es nicht immer nur

Gewinner. Es wird auch Verlierer geben. Er schreibt weiter: ¿Die Freiheit hat

eben auch ihren Preis, und er wird manchmal schmerzen.¿

 

Auch wenn wir alles vorhergesehen

hätten, wir hätten das meiste nicht anders machen können. Es gibt keine

prinzipielle Alternative zur offenen Gesellschaft ¿ außer der geschlossenen.

Die kannten wir ¿ und die wollten wir nicht mehr. Wir wollten in Freiheit leben

und wir waren bereit, uns den Konsequenzen eines Lebens in Freiheit zu stellen.

Nur waren wir nicht ausreichend darauf vorbereitet.

 

Was es bedeutet, eine auf

Volkseigentum basierende, durch nicht konvertierbare Währung und eine kaum

passierbare Mauer abgeschottete Wirtschaftsregion in eine weltoffene, freie

Wettbewerbswirtschaft mit einem auch ohne uns gesättigten Markt zu überführen,

das haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt. Die einzige Lehre

daraus muss heißen: nie wieder abschotten und einmauern, sondern weltoffen bleiben

und dieses Leben mit gestalten. Wir müssen nicht nur lernen, mit den damit verbundenen

Risiken zu leben, wir müssen auch nach Wegen suchen, diese zu beherrschen. Das

gilt für das individuelle Zusammenleben ebenso wie für die internationale

Zusammenarbeit der Staaten in einer globalisierten Welt. ¿Die Freiheit hat

nicht nur schöne Kinder¿ hat uns Klaus v. Dohnanyi vor fast zwanzig Jahren

aufgeschrieben, ¿aber in der Unfreiheit ist alles hässlich.¿ Der Ihnen allen

bekannte Joachim Gauck hat in diesem Jahr seine ¿Erinnerungen¿ veröffentlicht.

Darin formuliert er, was wir inzwischen alle empfunden haben: ¿Die Freiheit als

Sehnsucht hatte eine verlockende Kraft, sie war ungeschmälert schön. Die

Freiheit als Wirklichkeit ist nicht nur Glück, sondern auch Beschwernis.¿

 

Das bedeutet für uns, die Freiheit

mit ihren Chancen und Risiken anzunehmen und sie zu gestalten. Die

Schwierigkeiten dabei kennen wir alle. Nicht immer fällt es uns leicht, jenes

Maß an Freiheit, das wir für uns beanspruchen, auch anderen zu gewähren. Die

Kompetenzverteilung föderaler Staatsstrukturen und die Ausgestaltung des

Subsidiaritätsprinzips unseren Kommunen und freien Trägern gegenüber sind der

Raum, in dem wir Freiheit gestalten und gewähren können. Das Bestreben der

Landtage nach mehr eigener Entscheidungskompetenz während der letzten

Föderalismuskommission ist Ihnen bekannt. Die Sorge vor zu viel eigener Entscheidungskompetenz

der Kreistage bei der Mittelverwendung kennen Sie ebenfalls.

 

Als der Dramatiker Peter Hacks

1962 in Berlin sein Stück ¿Die Sorgen und die Macht¿ inszenierte, wurde er

heftig kritisiert. Mit künstlerischen Mitteln wollte er deutlich machen, dass

man in Regierungsverantwortung auch nicht aus fürsorglichen Gründen seinen

Bürgern die individuellen Freiheiten zu sehr beschneiden dürfe. Auch das war

damals nicht neu. ¿Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft hemmt

sein Reifen¿ ¿ mit diesem Satz beginnt die von Freiherrn v. Stein im November

1808 verfasste preußische Städteordnung. Er ist mit Sicherheit auch heute noch

richtig. Damit soll deutlich werden, wie in Verantwortung gelebte Freiheit

gerade für diejenigen ein immer neuer Balanceakt ist, die die Macht haben,

Freiheit zu gewähren oder zu begrenzen.

 

Wer, wie wir alle hier, die

Aufgabe hat, Ordnungen zu setzen, setzt der Freiheit anderer Grenzen und gibt

ihr einen Rahmen.

 

Das bedeutet eine besondere

Verantwortung für die Freiheit derer, die uns gewählt haben. Schon 1959 hat der

Philosoph Ernst Bloch in seinem ¿Abriss der Sozialutopien¿ das schwierige

Abwägen von Freiheit und Ordnung setzen beschrieben. Erst gegen Ende der DDR

durfte dies gedruckt werden. Auch wenn wir nicht immer darüber sprechen, ist

dies eine immer wieder neu auszubalancierende Aufgabe.

 

Wer die Unfreiheit selbst erlebt

hat, wird die Freiheit für immer zu schätzen wissen. Für viele wird deshalb der

9. November 1989 für immer ein Tag der Freude bleiben. Wer keine Chancen sah,

die Freiheit leben zu können, wird das anders sehen. Wer sein eigenes

Lebensschicksal nicht in den Jubelbildern wiederfindet, wird sich auch nicht

freuen können. Die demokratischen Freiheiten werden in der Realität von

Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen oft nicht als Vorteil empfunden. Schon

in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mahnte der Philosoph Adorno:

¿Wer Freiheit will, muss vom Problem der Freiheit Rechenschaft geben.¿ Für uns,

die wir ein Leben in Freiheit wollen, muss es also Aufgabe sein, uns selbst

darüber Rechenschaft zu geben wie sehr es uns gelungen ist, zu gestalten, damit

die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes ihr Leben in Freiheit leben können.

Juristisch mag das kein Problem sein. Um sein Leben in Freiheit gestalten zu

können, ist mehr nötig, nämlich auch Teilhabe. Jeder von uns weiß, dass wir

dieses Ziel noch nicht für alle erreicht haben.

 

Um uns über die Situation in

unserem Land einen Überblick zu verschaffen, haben wir auch in diesem Jahr

wieder einen Sachsen-Anhalt-Monitor in Auftrag gegeben. Die veröffentlichten

Ergebnisse sind bekannt. Auf die Frage, was wäre Ihnen wichtiger, Freiheit oder

Gleichheit, haben sich 2009 bei uns 54 % für die Freiheit und 40 % für die

Gleichheit entschieden. Die Werte von 2007 waren ähnlich. Diese Frage gehört

trotz methodischer Vorbehalte zu jenen, die in den unterschiedlichen Regionen

noch sehr unterschiedlich beantwortet werden. Die persönliche Einstellung zum

gefühlten Wert der Freiheit ist nicht nur eine Frage der Lebensverhältnisse,

sondern auch Ausdruck der Würde und der Selbstachtung jedes einzelnen Menschen.

Freiheit gegen soziale Gleichheit abzuwägen, ist nicht unproblematisch. Wer die

Freiheit aufgibt, um soziale Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides

verlieren.

 

Wer das nicht selbst erlebt hat,

wird daran immer wieder zweifeln, denn wer die Freiheit mehr schätzt, muss auch

bereit sein, mehr Risiken in Kauf zu nehmen.

 

Die Aufgabe, wieder ein auf

Selbständigkeit stolzes Unternehmertum aufzubauen, ist noch lange nicht

abgeschlossen. Sie muss schon in der Schule beginnen und braucht eine eigene

Kultur der Freiheit. Da nur so Arbeitsplätze für andere entstehen, ist die

Entwicklung unternehmerischen Denkens auch eine wichtige Voraussetzung stabiler

Sozialstrukturen.

 

Deshalb muss auch die Erinnerung

an den 9. November 1989 mehr sein als ein Erinnern an einen Tag selbst erlebter

Freude. Wenn er für zukünftige Generationen mehr sein soll als ein Tag aus dem

Geschichtsbuch, müssen wir ihnen den Wert der Freiheit weiter sagen und eine

Kultur gelebter Freiheit weitergeben. Dazu gehört, dass jede Generation aufs

Neue zur Freiheit befähigt und zum verantwortlichen Umgang damit geprägt wird,

denn ¿ auch das wissen wir alle ¿ der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt

von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

 

Für uns, die wir uns zusammen mit

unseren östlichen Nachbarn aus vormundschaftlichen Sozialstrukturen zur

Freiheit selbst befreit haben, bedeutet das viel. Wir müssen deutlich machen,

dass Freiheit nicht nur ein Privileg ist, das Chancen bedeutet, sondern

Verpflichtung und Aufgabe. Nur eine Gesellschaft mit einem breiten Wertekonsens

kann sich Freiheit leisten. Je mehr wir uns gegenseitig misstrauen, umso mehr

müssen wir das Zusammenleben durch Ordnungen regeln. Je mehr wir unserer eigenen

Leistungsfähigkeit vertrauen, desto weniger wollen wir von den Leistungen anderer

durch Umverteilung partizipieren. Die Normvorstellungen von individueller Autonomie

einerseits und Sozialpflichtigkeit andererseits sind in den einzelnen Kulturen

unterschiedlich. Auch wir müssen immer wieder aufs Neue diese Verhältnisse für

unsere Kultur der Freiheit ausbalancieren. Ebenso wie die Demokratie ist die

errungene Freiheit kein unveränderlicher Zustand, sondern wohl eher eine permanente

Aufgabe. Beides sind keine Naturgeschenke, sondern Chancen, die wir immer

wieder erobern müssen. Auch das gehört zum Erinnern.

 

In der ältesten demokratischen

Staatsform im alten Griechenland galt der Satz: ¿Das Geheimnis des Glücks ist

die Freiheit.¿ Wir wollen uns über dieses Glück nicht nur freuen, wir wollen es

erhalten und zukünftigen Generationen weitergeben.

 

 

 

Impressum:

 

Staatskanzlei des Landes

Sachsen-Anhalt

Pressestelle

Hegelstraße 42

39104 Magdeburg

Tel: (0391) 567-6666

Fax: (0391) 567-6667

Mail: staatskanzlei@stk.sachsen-anhalt.de

 

 

 

 

 

 

 

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