SPD-Innenminister und ?senatoren legen
Dokumentation vor ? Hövelmann: Die Verfassungsfeindlichkeit der NPD ist belegt
30.04.2009, Magdeburg – 124
- Ministerium für Inneres und Sport
Ministerium des Innern - Pressemitteilung Nr.: 124/09
Ministerium des Innern -
Pressemitteilung Nr.: 124/09
Magdeburg, den 4. Mai 2009
SPD-Innenminister und ¿senatoren legen
Dokumentation vor ¿ Hövelmann: Die Verfassungsfeindlichkeit der NPD ist belegt
Die
Innenressorts der Länder Berlin, Bremen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und
Schleswig-Holstein haben heute in der sachsen-anhaltischen Landesvertretung in
Berlin eine gemeinsame Dokumentation zur Verfassungsfeindlichkeit der NPD
vorgestellt. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann präsentierte
gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, dem Bremer Senator
Ulrich Mäurer, und seinem Berliner Kollegen Ehrhart Körting (alle SPD)
umfangreiches Material, das ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Quellen
stammt.
Holger Hövelmann: ¿Unsere Zusammenstellung belegt deutlich die
verfassungsfeindliche Ausrichtung der NPD, ihre ideologische Kontinuität zum
Nationalsozialismus und ihre aggressiv-kämpferische Haltung gegenüber dem
demokratischen Staat. Wer nach Gründen sucht, die NPD zu verbieten, wird hier
fündig.¿ Hövelmann begrüßte, dass die Forderung nach der Vorbereitung eines
neuen Verbotsverfahrens längst nicht mehr auf den Kreis der SPD Innenminister
und -senatoren beschränkt sei: ¿Die Signale aus Bayern und
Mecklenburg-Vorpommern sind positiv.¿
Sachsen-Anhalts Innenminister warnte davor, die rechtsextremistische Partei
angesichts interner Auseinandersetzungen und Finanzprobleme zu unterschätzen.
¿Die NPD war in ihrer Geschichte schon mehrfach am Rande ihrer Existenz, und
sie wurde schon häufiger von verschiedensten rechtsextremistischen Strömungen
umkämpft, die sich aber nur graduell und nicht in ihrer grundsätzlichen
Ablehnung der Verfassungsordnung unterscheiden. Deshalb ist der Krach in der
NPD kein Zeichen zur Entwarnung¿, unterstrich Hövelmann.
Den Text der Dokumentation finden sie zum Download auf http://www.mi.sachsen-anhalt.de.
Kernaussagen aus der Dokumentation zur NPD:
Ideologisch-programmatische Grundlage der NPD ist ein spezifisches Menschenbild,
aus dem die Ablehnung des zivilisatorischen Grundrechtekanons von individueller
Freiheit und Gleichheit folgt und ¿ darauf basierend ¿ die Ablehnung des
Systems der repräsentativen Demokratie, seiner Institutionen und Akteure.
Die Grundlage von Ideologie und Programmatik der NPD liegt in einem biologistischen
und kollektivistischen Menschenbild. Biologistisch ist es, weil es Identität
und Status von Menschen aus vermeintlich natürlichen Unterschieden ableitet,
kollektivistisch, weil der Mensch als Gemeinschaftswesen definiert wird, das in
der mit dem Volk identischen Nation seinen höchsten ethischen Wert findet. Der
Mensch existiert demnach nicht als Individuum, sondern nur als Teil eines Volksstammes.
Die Übergänge zwischen der ethnischen Definition des ¿Deutschen¿, der Forderung
nach einer ¿Rückführung¿ von Ausländern und offenem Rassismus sind fließend.
Unverhohlen wird gegen das Grundgesetz polemisiert, dessen Grundrechtsbestimmungen
vor ¿Menschenrechtstümelei¿ triefen und Deutsche im eigenen Land de facto mit
Ausländern gleichstellen würden. Unter ¿Ausländer¿ werden vor dem Hintergrund
des evolutionsbiologischen Volks- und Nationenbegriffs auch deutsche
Staatsbürger mit Migrationshintergrund gefasst, denen dementsprechend nicht
gleiche Rechte zugestanden werden. Deutscher sei man durch Abstammung, könne es
aber nicht durch einen Pass werden.
Die phänotypische Erscheinung eines Menschen ist nach Ansicht der NPD-Ideologen
untrennbar mit genetischen Dispositionen bzw. unveränderlichen charakterlichen
Merkmalen verbunden, aufgrund derer sich eine hierarchische Ordnung,
funktionale Differenzierung und rassische Trennung begründen lasse. Für den
Fall der Nichtbeachtung dieser angeblich natürlichen Unterschiede wird das
Untergangsszenario einer an die Rasse gebundenen deutschen bzw. europäischen
Kultur beschworen.
Der politische Antisemitismus der NPD weist Parallelen zu den schon im historischen
Nationalsozialismus verfolgten Konzept des ¿integrierten Feindbilds¿ auf. Die
Feindbildkonstruktion ist verschwörungstheoretisch angelegt, d. h. es wird ein
konspiratives Wirken ungenau definierter ¿fremder Mächte¿ gegen das eigene Volk
postuliert. Das antisemitische Element besteht in diesem Zusammenhang darin,
die vordergründig gegen die USA gerichtete Feindbildkonstruktion und die
antikapitalistische Ausrichtung der NPD bewusst mit judenfeindlichen Zwischentönen
zu unterlegen.
Ihre ablehnende Haltung gegenüber der freiheitlichen demokratischen Grundordnung
dokumentiert die NPD, indem sie die Bundesrepublik Deutschland als
rechtsnachfolgende Gebietskörperschaft und ihre Verfassung in Frage stellt. So
behauptet die NPD den völkerrechtlichen Fortbestand des Deutschen Reiches und
spricht dem Grundgesetz als ¿Diktat der Siegermächte¿ seine Legitimation ab.
Grundlegend ist in diesem Zusammenhang die immer wiederkehrende Unterstellung
einer anhaltenden Fremdherrschaft auf deutschem Boden. Danach sei der 8. Mai
1945 kein Tag der Befreiung gewesen, sondern des Verlustes deutscher Souveränität.
Die NPD empfiehlt ihren Parteimitgliedern, eine konkrete Auseinandersetzung mit
den Themen Holocaust und Kriegsschuldfrage bewusst zu meiden. Allerdings hat
gerade der Massenmord an den europäischen Juden im Rahmen der Geschichtsklitterung
seitens der NPD eine so zentrale Bedeutung, dass vor allem führende
Parteimitglieder sich dennoch immer wieder dazu äußern. Zum einen wird Kritik
daran geübt, dass dieses Thema überhaupt noch auf der politischen Agenda steht
und dass Strafverfolgung dafür droht, wenn von der etablierten Geschichtsschreibung
abweichende Sichtweisen geäußert werden. Zum anderen wird das historische
Stattfinden des Holocaust ¿ zumindest in seinem überlieferten Umfang ¿ in
Zweifel gezogen.
Die Kritik an der Thematisierung des Holocaust macht sich exemplarisch an der
Haltung der NPD zur Existenz von Mahnmalen fest. Die NPD bezeichnet das Holocaustdenkmal
am Brandenburger Tor in Berlin in verschiedenen Zusammenhängen als ¿Bundesschamanlage¿
und unterstellt, es solle ¿wie ein Kainsmal Schande über diese Stadt¿ bringen.
Noch stärker als durch die Verherrlichung von historischem Nationalsozialismus
ist die NPD durch die Glorifizierung und den teilweisen Personenkult um die führenden
Repräsentanten dieser Diktatur geprägt. Im Mittelpunkt heroisierender
Geschichtsverklärungen stehen dabei der ¿Führer¿ Adolf Hitler und sein Stellvertreter
Rudolf Heß. Der NPD-Landesverband Berlin fordert sogar die ¿Wiederaufnahme der
Mitglieder der ermordeten oder in den Tod getriebenen letzten Reichsregierung
in die Liste der Ehrenbürger (Berlins)¿.
Die NPD verfolgt ihre Ziele in einer Weise, die über eine originäre Rolle als
Wahlpartei in einem demokratischen Repräsentativsystem weit hinaus reicht. Es
geht ihr nicht um Reformen, wie sie für das politische Leben in der Demokratie
üblich und notwendig sind, sondern sie verfolgt planvoll und kontinuierlich die
Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Stattdessen strebt
sie eine eigene totalitäre Herrschaft an.
Die NPD und weite Teile der neonazistischen Kameradschaftsszene haben sich seit
dem gescheiterten Verbotsverfahren im Jahr 2003 wieder stärker aufeinander zu
bewegt. Inzwischen sind beide Lager unter der Losung ¿Volksfront von rechts¿
eng miteinander verflochten. Der Nutzen ist beiderseitig. Zum einen unterstützt
die NPD Veranstaltungen der rechtsextremistischen Kameradschafts- und Musikszene,
indem sie sich als Demonstrationsanmelderin oder Konzertveranstalterin zur
Verfügung stellt. Zum anderen profitiert die Partei selbst, indem sie sich für
junge ungebundene, aktionsorientierte und subkulturell geprägte Rechtsextremisten
attraktiv macht. Im Gegenzug kann sie auf deren Unterstützung bei Parteiveranstaltungen
und Wahlkämpfen bauen. Die NPD bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen
legaler Parteiarbeit und der Gewaltaffinität des kameradschaftlich oder gar
nicht organisierten neonazistischen Lagers.
Aussagen der Partei bzw. maßgeblicher Funktionäre lassen in ihren Angriffen auf
die freiheitliche demokratische Grundordnung und ihre Repräsentanten weiterhin
eine bis zur Militanz reichende aktiv kämpferische, aggressive Diktion
erkennen. Wenngleich sich die Parteiführung in ihren offiziellen Stellungnahmen
regelmäßig gegen Gewaltanwendung ausspricht, verlassen maßgebliche
Protagonisten der NPD oftmals die ¿offizielle Linie¿ und belegen in ihren Äußerungen
erneut das nach wie vor ambivalente Gewaltverständnis der Partei.
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