Hövelmann begrüßt bundesweit
einheitliche Zähl-weise politisch motivierter Straftaten / Sachsen-Anhalt setzt
auf Prävention
09.09.2008, Magdeburg – 443
- Staatskanzlei und Ministerium für Kultur
Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 443/08
Staatskanzlei - Pressemitteilung
Nr.: 443/08
Magdeburg, den 9. September 2008
Hövelmann begrüßt bundesweit
einheitliche Zähl-weise politisch motivierter Straftaten / Sachsen-Anhalt setzt
auf Prävention
Innenminister Holger Hövelmann erwartet für das laufende
Jahr ¿endlich bundesweit vergleichbare statistische Angaben über die politisch
motivierte Kriminalität¿. In der heutigen Sitzung der Landesregierung begrüßte
Hövelmann, dass auf Initiative Sachsen-Anhalts alle Länder nunmehr einheitlich
Propagandadelikte wie zum Beispiel Hakenkreuzschmierereien auch dann als
rechtsextrem motiviert einstufen, wenn die Täter noch nicht ermittelt werden
konnten. ¿In einzelnen Ländern wird diese Vereinheitlichung zu einem
statistischen Anstieg gegenüber dem Vorjahr führen¿, so der Innenminister. ¿In
Sachsen-Anhalt werden wir einen derartigen Effekt durch veränderte Zuordnung
nicht erleben, weil wir bereits strikt nach dem Prinzip verfahren, bei
Propagandadelikten mit rechtem Inhalt auch eine rechte Motivation anzunehmen.¿
Der Innenminister stellte im Kabinett den monatlichen
Bericht zum Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt vor, der diesmal die
Entwicklung gewaltbereiter, subkulturell geprägter Gruppierungen und Milieus
mit rechtsextremistischem Hintergrund in Sachsen-Anhalt zum Gegenstand hatte.
Dabei geht es um Personen, die politisch motivierte Gewalt bereits ausgeübt
haben oder die sich in Gruppen bewegen, die als gewaltgeneigt gelten und die
Gewalt als probates Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele ansehen.
¿Etwa die Hälfte dieses Spektrums lebt in Ostdeutschland¿, erläuterte
Hövelmann. ¿Von 1.400 Rechtsextremisten in Sachsen-Anhalt sind etwa 800
Personen dieser Szene zuzuordnen.¿
Der weit überwiegende Teil dieses Personenkreises entstammt
dem subkulturellen Milieu, das sich in der Regel von allgemeinen gesellschaftlichen
Standards absetzt. Dazu gehören unter anderem martialisches Auftreten, exzessiver
Alkoholkonsum oder aggressive Musik. Ihr Lebensgefühl wird von
fremdenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und gewaltbejahenden
Einstellungen geprägt. In den Städten Magdeburg und Dessau-Roßlau, den
Landkreisen Jerichower Land, Anhalt-Bitterfeld, Mansfeld-Südharz, Harz und
Börde sowie im Bereich Bismark tritt dieser beschriebene gewaltbereite
Rechtsextremismus erkennbar zutage.
Holger Hövelmann: ¿Wer ein gefestigtes neonazistisches
Weltbild hat, ist für moralische Appelle aus der Zivilgesellschaft kaum noch
erreichbar. Die subkulturelle rechtsextreme Szene strahlt aber auch auf junge
Menschen aus, deren Wertesystem und politische Auffassungen noch nicht
gefestigt sind. Um diese jungen Menschen müssen wir kämpfen. Wir haben mit dem
heutigen Bericht auch deutlich gemacht, dass es in Sachsen-Anhalt ein breites
Spektrum von Präventionsprojekten gibt. Da manchmal ganz Sachsen-Anhalt von
außen einer pauschalen Kritik unterzogen wird, wollen wir das
zivilgesellschaftliche Engagement von Menschen, die ihre ganze Kraft in diese
Projekte stecken, in diesem Zusammenhang ausdrücklich würdigen.¿
Präventionsarbeit müsse einhergehen mit einem permanenten
Verfolgungsdruck gegenüber rechtsextremistischen Straftätern, unterstrich der
Innenminister. Hövelmann: ¿Welche Dimensionen diese Maßnahmen haben, lässt sich
an den polizeilichen Einsätzen zur Bekämpfung der politisch motivierten
Kriminalität ablesen, die über das normale polizeiliche Alltagsgeschehen
hinausgehen.¿ Beispiel Jerichower Land: Dort wurden in diesem Jahr allein bis
Mitte April über 2.000 Mannstunden aufgewendet. Es wurden 49 Identitätsfeststellungen
durchgeführt und 44 Platzverweise von der Polizei verfügt. Beispiel
Halberstadt: Nach dem Überfall auf die Theatergruppe wurden von der
Bereitschaftspolizei im Raum Halberstadt mehr als 14.700 Mannstunden aufgewendet,
vor allem abends und nachts. In diesem Zeitraum wurden mehr als 1.200
Identitätsfeststellungen durchgeführt sowie 159 Platzverweise angeordnet.
¿Dieses Druckpotential lässt sich nicht dauerhaft und nicht flächenhaft
aufbieten¿, betonte der Minister. ¿Aber wir werden weiterhin gegen Schwerpunkte
rechter Kriminalität hart vorgehen.¿
Schwerpunkte des Berichts
Regionale
Subkulturen
·
In Magdeburg zeigt sich
das Gewaltpotential sowohl in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner
als auch in fremdenfeindlichen Taten. Dem Täterkreis gehören überwiegend
Einzeltäter an, jedoch werden auch bekannte Rechtsextremisten immer wieder als
Gewalttäter bekannt. Nach wie vor kooperieren im Bereich der Landeshauptstadt
Angehörige der ¿Freien Nationalisten¿ (die sich wahlweise auch als ¿Nationale
Sozialisten¿ bezeichnen), der NPD und der JN bei der Vorbereitung und
Durchführung von Veranstaltungen eng miteinander.
Nach der Kündigung des Szenetreffpunkts ¿Club S 26¿ durch die ¿Freien Nationalisten/Nationalen
Sozialisten Magdeburg¿ Anfang 2008 entwickelten sich
die Räumlichkeiten in der Sieverstorstraße zum neuen Treffpunkt in Magdeburg.
Dort firmierte der ¿Sport- und Freizeittreff e.V.¿, dessen Vorstand sich aus
amtsbekannten Szeneangehörigen zusammensetzt. Im Zusammenhang mit einem
Polizeieinsatz in diesem Objekt in der Nacht vom 2. zum 3. August 2008 kam es
dort zu erheblichen Widerstandshandlungen. Unter anderem entging dort ein
Polizeibeamter nur knapp einem vom Dach heruntergeworfenen Feuerlöscher.
·
Im Jerichower Land haben
Aktivitäten von Rechtsextremisten stark zugenommen. Obwohl von einer
hierarchisch organisierten Szenestruktur nicht gesprochen werden kann, zeigte
sich, dass kurzfristig bis zu 40 Szeneangehörige mobilisiert werden können. Der
teilweise äußerst gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene werden etwa 60
aktive Personen zugerechnet. Die Rechtsextremisten nutzten in der Vergangenheit
unter anderem Treffpunkte in Brettin, Genthin und Grabow. Die im Landkreis
Jerichower Land ansässige Hooligangruppierung ¿Blue White Street Elite¿ wurde
im April 2008 durch das Innenministerium verboten. Das
Oberverwaltungsgericht des Landes Sachsen-Anhalt hat mit Beschluss vom 24. Juli
2008 allerdings die Vollziehung des ausgesprochenen Verbots bis zu einer
Entscheidung im Hauptsachenverfahren vorläufig ausgesetzt.
Bei den etwa 25 Mitgliedern, die zum harten Kern gehören, handelt es
sich um männliche Personen im Alter von 18 bis 25 Jahren. In deren Umfeld kam
es wiederholt zu Schlägereien unter Beteiligung der Vereinsmitglieder, wobei
durch diese sehr aggressiv und brutal vorgegangen wird. Bei Heim- und
Auswärtsspielen des 1. FC Magdeburg treten die Vereinsmitglieder äußerst
gewaltbereit in Erscheinung und es kommt regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit
gegnerischen Fans. Die Palette der registrierten Straftaten reicht von
Sachbeschädigungen über gefährliche Körperverletzungen bis hin zu
Widerstandshandlungen gegen Vollstreckungsbeamte oder auch schwerem
Landfriedensbruch.
·
Angehörige der rechtsextremistischen Szene im Raum Bismark (Landkreis Stendal), der hier etwa 20
Personen zugerechnet werden, handeln zwar gemeinschaftlich, treten aber nicht
in einer strukturierten Gruppierung auf. Ein Teil dieses Personenkreises wird
als gewalttätig eingeschätzt, weitere Gewalttäter aus der Altmarkregion agieren
als Einzeltäter.
·
In den Regionen Anhalt-Bitterfeld
und Dessau-Roßlau existieren weitgehend strukturlose
Personenzusammenschlüsse, die gemeinschaftlich handelnd rechtsextremistisch
motivierte Straftaten begehen. Hier wurden zahlreiche Einzeltäter als
Wiederholungstäter bekannt. In der Region Köthen agierte 2007 eine
Personengruppe, die gemeinschaftlich handelnd rechtsextremistische Gewalttaten
beging - eine Personengruppe, die bereits aus dem allgemeinkriminellen Bereich
bekannt war.
·
Die rechtsextremistische Szene
im Harz (mit den Städten Halberstadt, Wernigerode, Quedlinburg und
Blankenburg) ist bis auf die JN-Stützpunkte in Wernigerode und Blankenburg im
Wesentlichen unstrukturiert. Eine hierarchisch strukturierte, neonazistisch
ausgerichtete Kameradschaftsszene existiert nicht mehr. In den vergangenen
Jahren kam es in dieser Region immer wieder zu erheblichen Friktionen zwischen
Rechtsextremisten und deren politischem Gegner. Die zum Teil schweren
Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Landfriedensbrüche waren durch eine
besondere Brutalität gekennzeichnet.
·
Im Landkreis Mansfeld-Südharz sorgen insbesondere
die von Enrico Marx auf seinem Privatgrundstück durchgeführten Treffen und
Musikveranstaltungen immer wieder für Aufsehen. Hinsichtlich der Auswertung von
Gewaltschwerpunkten nimmt die Region jedoch nur einen hinteren Platz ein. Dem
gegenüber stehen aber schwere Gewalttaten, wie beispielsweise der Brandanschlag
am 6. Januar 2007 in Sangerhausen auf ein Asylbewerberheim, an dem auch
Personen des Umfeldes von Marx beteiligt waren, oder der Vorfall am 20. März
2008 in Sangerhausen, als eine vietnamesische Studentin vor einen fahrenden Zug
gestoßen wurde.
·
Die rechtsextremistische Szene
im Landkreis Börde ist im Wesentlichen unstrukturiert. Eine
hierarchische, homogene neonazistisch ausgerichtete Kameradschaftsstruktur
existiert nicht. Die Szene in dem genannten Bereich wird als subkulturell
geprägt und gewaltbereit eingeschätzt. So wurden in der zurückliegenden Zeit
beispielsweise in Oschersleben immer wieder rechtsextremistisch motivierte
Straf- und Gewalttaten bekannt, bei denen das Täterklientel der jugendlichen
Subkultur zuzurechnen ist.
Praxisbeispiel
für Präventionsarbeit
Im
Bereich der Polizeidirektion Nord werden seit längerer Zeit die Projekte
¿Buntes Licht auf braune Schatten¿ und ¿Schritte gegen Tritte¿ in Kooperation
mit anderen Behörden und Institutionen durchgeführt.
·
Das Projekt ¿Buntes
Licht auf braune Schatten¿ richtet sich gegen Gewalt, Rechtsextremismus und
Fremdenfeindlichkeit. Dabei werden Schüler von Sekundar- und Berufsschulen
sowie Gymnasien, Pädagogen und Erzieher sowie Eltern und auch Großeltern
einbezogen. Dabei soll in dem jeweils eine Woche dauernden Modul eine
Auseinandersetzung mit den Ursachen für rechtsextremistisch motivierte Gewalt
ermöglicht werden. Neben der Erläuterung strafrechtlicher Aspekte sollen auch
Geschichtskenntnisse zum deutschen Nationalsozialismus intensiviert werden.
·
Die
Veranstaltungen zum Projekt ¿Schritte gegen Tritte¿ sind jeweils für
einen Tag angelegt und sollen neben Schülern ab der 7. Klasse ebenfalls
Lehrpersonal, Erzieher und Familienangehörige mit einbeziehen. Inhaltlich wird
hierbei die kritische Reflektion eigener Gewalterfahrungen und deren Ursachen
thematisiert.
·
Das mit
Bundes- und Landesmitteln geförderte Projekt ¿Bühne frei für Respekt¿ soll
Grundbedingungen pädagogischer Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen
beispielsweise in Jugendhaftanstalten und
Jugend(hilfe)-einrichtungen oder Schulen aufzeigen. Den Jugendlichen soll so die Möglichkeit gegeben werden,
Erfahrungen bei Demokratieverhalten und Mitbestimmung zu sammeln. Die
Jugendlichen sollen zum einen lernen, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen, sie
zu artikulieren und dafür auf demokratischem Wege mehrheitsfähige Lösungen zu
finden.
·
Der Verein Miteinander e.V.
unterstützt in ländlichen und kleinstädtischen Regionen soziokulturelle
Jugendinitiativen, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus
wenden und in ihrer kulturellen und sozialen Praxis für eine plurale,
demokratische Jugendkultur eintreten. Dies beinhaltet die Unterstützung und
Begleitung der Eigeninitiative von Jugendlichen bei der Organisation von
Konzerten, Jugendwettbewerben und lokalen Jugendkulturevents, deren Charakter
geeignet ist, die Verankerung und soziokulturelle Attraktivität demokratischer
Jugendkulturen im lokalen und regionalen Kontext zu stärken und somit zur
Zurückdrängung der Repräsentanz rechtsextremer Inhalte in der Öffentlichkeit
beitragen. So unterstützen die Mitarbeiter des Vereins Miteinander e.V. seit
Jahren die Arbeit der Salzwelder Jugendinitiative ¿Aktion Musik¿ durch
vielfältige organisatorische Hilfen und inhaltliche Impulse zur Ausgestaltung
von Aktionen, Workshops und Konzerten. Diese Arbeit zeigt seit mehr als vier
Jahren spürbare Erfolge.
·
Das Projekt ¿Verantwortung
übernehmen ¿ Abschied von Hass und Gewalt¿ in der Jugendanstalt Raßnitz
zielt auf eine (Re-)Integrationsarbeit mit jungen Menschen, die zum Teil
schwere Gewaltstraftaten begangen haben und sich an extremistischen und menschenfeindlichen
Ideologien orientieren. Die Arbeit mit den Jugendlichen führt gezielt
bildungspolitische Ansätze mit sozialpädagogischer Arbeit und Methoden des
Verhaltenstrainings zusammen und unterstützt durch ein Betreuungsmanagement
nach der Entlassung die Integration.
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Impressum:
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Staatskanzlei
des Landes Sachsen-Anhalt
Pressestelle
Hegelstraße 42
39104 Magdeburg
Tel: (0391) 567-6666
Fax: (0391) 567-6667
Mail:
staatskanzlei@stk.sachsen-anhalt.de
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