Michael Gartenschläger - Leben
und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland
15.06.2006, Halle (Saale) – 78
- Landesverwaltungsamt
Landesverwaltungsamt - Pressemitteilung Nr.: 78/06
Landesverwaltungsamt -
Pressemitteilung Nr.: 78/06
Halle (Saale), den 14. Juni 2006
Michael Gartenschläger - Leben
und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland
¿Michael Gartenschläger ¿ Leben und Sterben zwischen
Deutschland und Deutschland¿
Ein Kapitel deutscher
Nachkriegsgeschichte als Ausstellung in Marienborn
Am 16. Juni 2006
wird in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn erneut die von der
Gedenkstätte erarbeitete Ausstellung¿Michael Gartenschläger ¿ Leben und Sterben
zwischen Deutschland und Deutschland¿ zu sehen sein.
Erstmals wurde die von der
Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderte und mit freundlicher
Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung sowie der Bördesparkasse
entstandene Ausstellung am 13. August 2003 in der Gedenkstätte präsentiert.
Seitdem war sie an vielen anderen Orten zu sehen z.B. in Berlin, Magdeburg,
Frankfurt (Oder), Dresden und Rostock. Anlässlich des 30. Jahrestages der
Tötung Michael Gartenschlägers durch ein Spezialkommando des Ministeriums für
Staatssicherheit der DDR am 30. April 1976 wird sie nun erneut in Marienborn zu
sehen sein.
Michael
Gartenschläger wuchs in Strausberg bei Berlin auf. Nach dem Schulabschluss
begann er eine Lehre als Kfz-Schlosser. Ende der fünfziger Jahre lernte er vor
allem bei Besuchen im nahen West-Berlin die Rock-`n`-Roll-Musik kennen und
gründete mit vier Freunden einen Fanclub des deutschen Sängers Ted Herold. Der
Club wurde von der Volkspolizei verfolgt und aufgelöst.
Mit
der Abriegelung West-Berlins am 13. August 1961 sahen die Jugendlichen sich
ungerechtfertigt in ihrer Freiheit und Freizeitgestaltung eingeschränkt. Sie
protestierten gegen die Maßnahmen, malten politische Parolen in Strausberg und
zündeten eine Feldscheune außerhalb der Stadt an.
Wenige
Tage später wurden sie verhaftet. In einem politischen Schauprozess erhielten
die beiden siebzehnjährigen Freunde Michael Gartenschläger und Gerd Resag eine
lebenslängliche Zuchthausstrafe.
Für
Michael Gartenschläger folgten zehn Jahre Haft, in denen ihn eigenes und
miterlebtes Leid zum entschiedenen Gegner des SED-Regimes werden ließen.
Nach
dem ¿Freikauf¿ durch die Bundesregierung im Juni 1971 etablierte sich Michael
Gartenschläger in Hamburg. Doch ließ ihn der Unrechtscharakter der SED-Herrschaft
nicht los. Als Form des Widerstands half er insgesamt 30 Freunden in der DDR,
in die westliche Freiheit zu fliehen. Als Beweis für die
Menschenrechtsverletzungen der SED-Machthaber baute er an der innerdeutschen
Grenze kurz hintereinander zwei dort installierte Splitterminen (SM 70) ab.
Der
Minister für Staatssicherheit Erich Mielke befahl daraufhin seine Liquidierung.
In der Nacht des 30. April 1976 lief Michael Gartenschläger ahnungslos in die
vorbereitete Falle eines MfS-Sondereinsatzkommandos; neun Kugeln töteten den
32-Jährigen.
Drei
der Schützen wurden im Jahr 2000 vor dem Landgericht Schwerin freigesprochen.
Das Landgericht Berlin sprach 2003 einen ehemaligen MfS-Offizier, der an der
Planung der Aktion gegen Michael Gartenschläger mitgewirkt hatte, frei, einem
zweiten lastete es ¿Anstiftung zum Mord¿ an; das Verfahren gegen ihn wurde
wegen Verjährung eingestellt.
Michael Gartenschlägers
Haltung war geprägt vom Willen zur persönlichen Freiheit und der Wahrung
elementarer Menschenrechte. Sie befähigte ihn zum Widerstand gegen die
SED-Funktionäre, die unter dem Dogma der allein bestimmenden Staatspartei
glaubten, sich zu Herren über Leben und Tod aufschwingen zu dürfen.
Michael Gartenschläger
¿ ein Name der für vieles steht ...
... für einen
Jugendlichen, der seine Musik, die Rock-`n`-Roll-Musik, hören und sich diese
nicht von einem totalitären Regime verbieten lassen wollte ...
... für einen
aufbegehrenden jungen Mann, der Mut und Zivilcourage bewies, weil er sich nicht
einmauern lassen sowie seine Freizeitgestaltung, seine Gedanken und seinen
Lebensentwurf nicht von einer Partei vorschreiben lassen wollte ...
... für einen sensiblen
und kritischen Beobachter, der - zum ¿Staatsfeind¿ abgestempelt - sich im
Gefängnis zum Gegner der SED-Herrschaft und dessen Grenzregime entwickelte ...
... für einen Suchenden,
der ankam in der Bundesrepublik, sich einrichtete in der Demokratie, sich
jedoch nicht abfinden konnte mit einer deutsch-deutschen Annäherung, die eine
Bloßstellung der DDR-Führung in ihrer Unrechtspraxis tunlichst vermied ...
Die Ausstellung lädt ein,
sich Michael Gartenschläger zu nähern. Sie berichtet von einem Regime, das das
eigene Volk einmauerte und den aufmüpfigen 17-Jährigen zu lebenslanger Haft
verurteilte, den 27-Jährigen verkaufte sowie den 32-Jährigen durch ein
Sondereinsatzkommando erschießen ließ.
Die Ausstellung lädt ein,
sich mit den gesellschaftlich-politischen Hintergründen jener Zeit zu
beschäftigen, zum Nachdenken, zur Standortsuche und zu einem bewussten Leben in
der Demokratie.
Redaktionsteam:
Dr. Joachim Scherrieble
(verantw.), Rainer Potratz, Lothar Lienicke, Franz Bludau;
Ikon, Hannover
(Gestaltung); ermisch, Hannover (Graphik)
Öffnungszeiten:
Die Ausstellung wird vom
16. Juni 2006 bis 6. August 2006 jeweils Dienstag bis Sonntag von 10:00 Uhr bis
17:00 Uhr zu sehen sein.
Info:
Gedenkstätte Deutsche
Teilung Marienborn
Telefon 039406 / 9209-0
BAB 2
Marienborn
Email:
gedenkstaette@marienborn.de
Internet: www.marienborn.de
Impressum:
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